Inventur des Lebens (5): Jacken
Wie der geneigte Leser wohl bei Lektüre des letzten Artikels bemerkt haben dürfte, haben wir den Sanitärbereich verlassen und den Flur betreten, wo sowohl meine Zeitung als auch meine Jacken gelagert werden. (Vom Zeitung lesen auf der Toilette halte ich nichts, aber genau so gibt es Menschen, die Zeitung lesen in der U-Bahn für völlig abwegig halten.) Jacken und Jacketts könnten für Männer beim Shopping eine ähnliche Rolle spielen wie Schuhe und Handtaschen bei Frauen. Man findet immer mindestens eine, die einem gefällt und die man sofort kaufen würde, wenn das Jahr nur mehr Tage hätte und die Garderobe mehr Platz. Vom nichtvorhandenen Goldesel im Keller mal ganz abgesehen. Nach dem Kauf stellt man dann aber oft fest, dass man gar nichts hat, das man zu einem fleischfarbenen Sakko tragen könnte, oder dass nur Don Johnson gut in grasgrün aussieht.
Ein weiteres Problem ist, dass sich einem als Arbeiterkind und Student nicht allzu viele Anlässe bieten, ein Jackett zu tragen. Oft wirkt man dann overdressed oder zu wenig siffig, weil es sich eben nicht um ein Erbstück des bierverschüttenden Vaters handelt, sondern um einen Neuerwerb, der nicht sofort zerstört werden soll, weil so dicke hat man’s nun ja auch wieder nicht. Geschicktes Kombinieren ist hier die Maxime, höchste Sakkononchalance das Ziel. Wichtig ist vor allem das: taillierter Schnitt, drei Knöpfe einreihig, kein Glitzer, keine aufgestickten Drachen oder Startnummern etc. Dennoch sollte man nie wie ein Dandy oder Christian Kracht aussehen. Die Welt ist einfach noch nicht reif dafür…
Ähnliches gilt für Jacken und Anoraks, auch wenn da Funktionalität und Sportlichkeit mehr betont werden können und sollen. Sollte man also wegen seines Sakkos für schwul oder extrovertiert gehalten werden, muss die Jacke sagen: „Ich bin ein englischer Trinker und ich schrecke nicht davor zurück, davon Gebrauch zu machen!“ Als Orientierungshilfe dienen hier Oasis oder andere Hooligans. Um den Eindruck der Männlichkeit zu erhöhen, hilft es auch, die Jacke so zu tragen, dass ein normaler Mensch darin erfrieren würde. Im Winter also offen und am besten kragenlos. In manchen Kulturkreisen – der Bronx zum Beispiel – ist es üblich, so große Jacken zu tragen, dass man aussieht als trüge man einen Büffel auf den Schultern. Unter der Jacke natürlich. Auch hierdurch soll eine maximal männliche Wirkung erreicht werden. Ich persönlich habe mich für die Oasisversion entschieden, allerdings mit Kragen. Nun genieße ich das ängstliche Zurückschrecken der Passanten, wenn ich nachts um die Ecke biege. Muahaha.
Add comment Oktober 5, 2008
Inventur des Lebens (4): die Zeitung
Wie man sieht, habe ich schon sehr, sehr lange keinen Artikel mehr veröffentlicht. Daraus zu schließen, ich hätte in dieser Zeit nichts geschrieben, wäre fatal, aber leider ist es genau so. Bei einem Künstler würde man in so einem Fall wohl von kreativer Pause oder Schaffenskrise sprechen. Bei mir verhält es sich so, dass ich unheimlich faul bin und ich mir offensichtlich nur Zwänge auferlege, um etwas zu haben, mit dessen Fernbleiben ich mir das Faulsein versüße. Denn das Süße ist ja erst süß durch das Saure. So macht faul zu sein auch nur Spaß, wenn es etwas gibt, vor dem man sich drücken kann. Ein Heer depressiver Arbeitsloser wird mir da zustimmen.
Heute aber reiß ich mich auf einen Download wartend zusammen und führe meine so groß angekündigte Inventur des Lebens fort. Wenigstens um einen Artikel: die Zeitung. Vorher möchte ich mich noch bei allen bedanken, die überhaupt bemerkt haben, dass es hier schon seit längerem nichts neues mehr zu lesen gab. Eigentlich schreibe ich ja nur für mich, aber natürlich bin ich eitel genug, um mich über positives Feedback zu freuen. Ich persönlich finde auch die allerersten Artikel in diesem Blog noch ganz witzig, also wer die noch nicht gelesen hat, sollte sich nicht vor der Klickerei fürchten…
Die Zeitung also. Eines der vielen totgesagten Medien, das vom bösen Internet aufgefressen werden wird, bis nur noch eine blasse Erinnerung davon übrig ist. Die Menschen werden erst kein Geld mehr für journalistische Inhalte bezahlen, dann guten von schlechtem Journalismus nicht mehr unterscheiden können und schließlich vollkommen verdummen. Schon jetzt ist es ja so, dass ich mir meine täglichen Nachrichten von google zusammenstellen lasse und im Fernsehen am liebsten die Nachrichten im DSF kucke. Leisten kann ich mir das aber natürlich nur, weil ich sehr wohl eine Quelle der Aufklärung und des unabhängigen Journalismus habe, für die ich sogar brav bezahle: die ZEIT.
Zugegeben, es handelt sich hierbei nur um eine Wochenzeitung, aber gerade diese leichte Distanz zum allernächsten Zeitgeschehen ist die Stärke dieser Zeitung. Fast jeder Artikel ist hochgradig fundiert und reflektiert, nur selten wird übers Ziel hinausgeschossen oder absichtlich jemand verhöhnt. Wissen, Vernunft und journalistischer Ethos prägen diese Zeitung.
Nichtsdestotrotz lese ich fast immer zuerst das Magazin Leben, wenn ich die ZEIT donnerstags aus dem Briefkasten hole. Nichtsdestotrotz vermisse ich einen Sportteil und ein Feuilleton, für das Kultur auch außerhalb von Theatern, Verlagen und Opern stattfindet. Nichtsdestotrotz fallen einem Alleswisser und Leitartikler wie Josef Joffe oder Jens Jessen manchmal auf die Nerven. Aber genau so beeindruckend sind die beiden JJs eben auch. Wer sonst kann zu fast jedem beliebigen Thema innerhalb kürzester Zeit einen Artikel schreiben, der eine ganze Diskussion wiedergibt, ihr neue Aspekte verleiht und Hintergründe beleuchtet? (Okay, ich vielleicht, aber so eitel bin ich nun auch wieder nicht…)
Add comment Oktober 2, 2008
Inventur des Lebens (3): Toilettenpapier
Manchmal, in ruhigen Minuten, sitzt man da und überlegt, wie das, was man da tut, wohl andere so machen. Und manchmal interessiert das sogar große Konzerne. Wie zum Beispiel die Frage: Wie benutzen die anderen eigentlich ihr Klopapier? Und dann stellt man fest: die einen so, die andern so. Aber vor allem: die einen Länder so, die andern Länder so. Es gibt also tatsächlich kulturelle Unterschiede im Hinternabwischen. Gut, das wird einem auch klar, wenn man die Computertoiletten in Japan sieht, die einem den Hintern mithilfe eines Dampfstrahlers säubern, oder wenn man in Frankreich vor einem Bidet steht und sich fragt, wie man so süchtig nach Fußwäschen sein kann, dass man dafür ein eigenes Waschbecken hat. Aber auch was die Benutzung einer so einfachen Sache wie Klopapier angeht, unterscheiden sich die Kulturen.
Ein Großteil der Deutschen gehört zu den Klopapierfaltern. Das heißt, dass das Vertrauen in das vorhandene Papier nicht besonders groß ist und man aus vier Lagen mittels Faltung acht, 16, 32, usw. Lagen macht. Diese Tatsache machte es besonders dem amerikanischen Toilettenpapierhersteller Charmin schwer, sein Produkt auf Anhieb erfolgreich an den Mann zu bringen, da das Falten viel komplexere Anforderungen an das Papier stellt (Stichwort Scherkräfte!)als das Knüllen, das die meisten Amerikaner bevorzugen. Ich sehe da ganz klar das typische Sicherheitsbedürfnis, das den Deutschen auszeichnet und zu seiner Pedanterie führt, und den Eroberungsdrang des Amerikaners, der zu seiner Liebe zum Provisorium führt.
Der Wickler sowie der Ein-Blatt-Abreißer gehören übrigens zu Klopapierrandgruppen.
5 comments Juli 31, 2008
Entschuldigung! (Ausrede)
Wem war bitte nicht klar, dass ich das nicht durchhalten würde? Ich habe einen Job! Ich muss Hausarbeiten schreiben! Ich muss Bier trinken. Zudem fehlte mir, als ich noch fünf Minuten Zeit hatte, Inspiration. Die hab ich nun, aber 1. schlägt es grad fünf und 2. funktioniert meine Quelle für wichtigste Backgroundinformationen nicht. Ich muss zu Bett. Aber: ein Artikel ist da. Tadaaaa!
Add comment Juli 31, 2008
Inventur des Lebens (2): der Rasierer
Um nicht zu viel Pulver auf der 30-Tage-Reise zu verschießen, bleiben wir auch heute noch im Bad. Gerade hätte ich mich fast dazu hinreißen lassen, es auf mein Mannsein zu schieben, dass ich so wenige Geräte im Bad habe, aber leider ist es wohl doch so, dass mir zur Frau nur das Glätteisen fehlt; und das auch nur zur lockigen Frau. Einigen wir uns also darauf, dass sich Mann und Frau weniger unterscheiden, als einem immer wieder eingebläut wird. Vielleicht liegt der Unterschied aber auch darin, dass es unter Frauen nicht die eine große Frage gibt: Gillette oder Wilkinson? Sicherlich keine Frage, die die Menschheit ähnlich klar in zwei Lager teilt wie:“Lakritze…möchtest du?“. Dennoch gibt es sehr wahrscheinlich Männer, die Wilkinsonrasierer benutzen und zu nichts anderem greifen würden, wie es mich gibt, der auf Gillette schwört.
Im Prinzip besteht ein Gillette nämlich einfach nur aus Klingen und einem Griff. Mehr braucht man auch nicht, um aus einem kratzigen Indiana-Jones-Gesicht ein babyweiches James-Bond-Gesicht zu machen. Eigentlich nicht einmal den Griff. Genau diese Einfachheit ist es, die ihn gegenüber dem vor Schnickschnack strotzenden Wilkinson auszeichnet. Klingen hinter Gittern?! Wir sind doch nicht aus Zucker! Eine Trimmklinge?! Da fehlen mir ja nur noch der BMW Z3 und die Nickelback-CD!
Gut, dass es das gute Stück jetzt mit Batterien gibt, ist ein trauriges Kapitel Marketinggeschichte, aber mancher Mann steht eben noch nicht genug unter Strom. Vermutlich hat er den Gillette M3 Power gerade erst gegen seinen Wilkinson eingetauscht…
9 comments Juli 29, 2008
Inventur des Lebens (1): die Zahnbürste
Eigentlich beginnt jeder Tag gleich: aufwachen, kucken, wo man ist, Schluck Wasser trinken, Duschen, Zähne putzen. Jede Aktion für sich genommen wäre noch kein Startschuss, erst im Verband holen sie einen wirklich zurück ins Leben. Als würde der Siff der Nacht genauso einen Vorhang zur Realität bilden wie die geschlossenen Augenlider. Von diesem poetischen Bild sind es nur wenige Schritte zu meiner Zahnbürste. Sie ist blau-weiß, sie ist stark, sie ist elektrisch. Wer noch nie zuvor eine motorisierte Zahnbürste verwendet hat, wird sich womöglich denken, dass das etwas für alte Leute, Technikfreaks oder Zahnfanatiker sei. Aber nein!, elektronisches Zähneputzen ist schlicht und einfach das einzig wahre Zähneputzen.
Nie fühlten sich Zähne wohler, weißer oder sauberer. Nie war Zähneputzen meditativer. Es ist nicht so, dass ich meine Zähne nicht auch mit einer normalen, handbetriebenen Zahnbürste putzen könnte, so wie das Dr. Best vermutlich macht. Aber nur mit dem Wissen, dass ich irgendwann wieder das leise Brummen im Mund haben werde, mit dem ich jeden Tag beginne und jeden Tag beende. Man verwechsle diese Beziehung bitte nicht mit einem Oralfetisch, davon bin ich weit entfernt; es geht hier ausschließlich um die bessere von zwei Möglichkeiten. Um das Reinigen durch Oszillation. Um eine der praktischsten Arten, Strom zu ver(sch)wenden. Um eine der listigsten Ausreden, nicht mehr zum Zahnarzt zu müssen. Und wie viele Romane, Theaterstücke, Gedichte, Essays, Blogartikel und hohle Gedanken schon entstanden sein müssen, wenn man sich so in den kreisenden Bewegungen versenkt, dass man sich selbst vergisst, wie es sonst höchstens noch unter der Dusche passieren kann. Drei Minuten könnten nicht schneller vergehen. Wenn Buddha, Jesus oder Mohammed diese Zahnbürste noch erlebt hätte, ganze Weltreligionen sähen anders aus. Es gäbe kein Paradies oder Nirwana, es gäbe nur diese drei Minuten. Morgens und Abends und in alle Ewigkeit.
4 comments Juli 28, 2008
Inventur des Lebens
Mein Blog leidet, fürchte ich. Es will gefüttert, gehegt und gepflegt werden. Stattdessen lasse ich es links liegen und kümmere mich nicht. Daran sollte sich etwas ändern. Tatsächlich ist mir im Nachtbus nach Hause gestern eine Idee gekommen, mit der ich das Blögchen etwas hätscheln könnte. Ich rufe ein Projekt ins Leben, bei dem ich versuche, 30 Tage lang jeden Tag einen Text online zu stellen. Die Texte sollen sich im weitesten Sinne um Gegenstände in meinem Umfeld drehen, Gegenstände, die ich häufig benutze oder eben nicht, die ich gut finde oder eben nicht. Dadurch könnte eine Inventur meines Lebens entstehen. Oder eine Ansammlung willkürlich zusammenhängender Texte. Hauptsache das Blog rappelt sich dadurch etwas auf.
Das schöne an den Dingen, über die ich schreiben möchte, ist, dass sie ihre Existenz allein den Ideen, Plänen und Händen eines Menschen verdanken. Sie sind Teil und Ausdruck einer Kultur. Sie sind Deutschland. Ich werde mich wohl vom Bad zur Küche durch den Flur in mein Arbeits- / Wohn- / Schlafzimmer hangeln. Es ist aber auch möglich, dass sich diese Vorgehensweise als unnütz oder langweilig erweist und ich verzweifelt nach täglicher Inspiration suche. Grob geschätzt sollte ich tatsächlich über 30 verschiedene Gegenstände besitzen, über die man auch tatsächlich etwas zu sagen hat, aber eben nur grob geschätzt. Wenn sich herausstellt, dass ich ärmer bin, als ich dachte, werde ich an der 30-Tage-Regel festhalten und mir etwas einfallen lassen müssen.
Beginnen möchte ich morgen mit „die Zahnbürste“.
1 comment Juli 27, 2008
Der deutsche Fußball
Nationen, wie wir sie kennen und als natürlich empfinden, gibt es noch gar nicht so lange, wie man meinen könnte. Gerade Deutschland gibt es in den ungefähren heutigen Zügen erst seit 1871. Dennoch gibt es zu vielen Nationen -besonders denen des alten Europa- Symbole, die diese Nationen verkörpern oder sie charakterisieren sollen. So ist das Nationalsymbol der Engländer, der stolzen Engländer, das Meer, das sie umgibt. Das Meer ist das einzige „Terrain“, das die Engländer erobern können, ein unendlicher Raum und gleichzeitig ein unerbittlicher Gegner (zumindest zur Zeit, als diese Symbole entstanden). Doch das Meer ist auch die sicherste Grenze, die man sich wünschen kann, Angst vor Fremden muss man als Engländer folglich nicht zwingend haben, viel eher wird man sich über jeden Neuankömmling neugierig freuen.
Laut Elias Canetti ist das Nationalsymbol der Deutschen der Wald. Deutschland, das ganz im Gegensatz zu England nicht die splendid isolation genießt, sondern haufenweise Nachbarn hat, fühlt sich stets leicht vom Fremden bedroht und reagiert statt mit Neugier eher mit Ablehnung. Zuflucht vor dem ständigen Stress der Konfrontation mit dem Nicht-deutschen sucht die deutsche Seele nun Canetti zufolge im Wald. Der Wald ist beschaulich und menschenleer. Und vor allem: der Wald besitzt die vertikale Ordnung, die der Deutsche angeblich so liebt. Wie tapfere Soldaten ragen die Bäume gen Himmel, „der marschierende Wald“. Die Armee, der Wald als Tranquilizer.
Folgt man bei der Beobachtung der Armee Michel Foucault, ist sie eine Institution, die ihre Schlagkraft nicht aus der Förderung einzelner Talente bezieht, sondern aus der Schaffung einer absoluten Disziplin; jeder führt dieselbe Bewegung auf dieselbe Art und Weise aus. So entsteht ein aus einzelnen Gliedern bestehender Körper, der allein durch die Anwendung von Taktik in Bewegung gesetzt wird. Ein Rädchen greift ins andere.
Die Parallele zur deutschen Nationalmannschaft (dem Heer der Moderne) ist so erstaunlich wie offensichtlich. Während Mannschaften, die berühmt sind für ihren schönen Fußball, eher so wirken wie eine Trupe hochtalentierter Ritter, die zusammenspielen oder eben nicht, ist die deutsche Nationalmannschaft ein Heer, das nur funktioniert, wenn alle Teile mit höchster Disziplin (meinetwegen auch höckschter Dischziplin) derselben Taktik folgen. Wo andere auf den kreativen Einfall, die Genialität eines einzelnen setzen, gewinnen die Deutschen durch einstudierte Spielzüge. Bei den Spaniern kann man sagen, dass sie Europameister wegen der überragenden Fähigkeiten eines Xavi, Villa, Silva, Iniesta, Fabregas, Torres, Casillas, Ramos usw. geworden sind. Bei den Deutschen lässt sich nur schwer behaupten, dass sie bessere Fußballer als die Holländer, Italiener, Franzosen, Portugiesen, Russen, Tschechen, Türken usw. hätten und sie deswegen vor diesen allen Vizeeuropameister geworden seien. Es scheint viel mehr die vollkommene Homogenität des Mittelmaßes zu sein, die sie so erfolgreich macht. Selbst Spieler, die zur Weltklasseleistung taugen, wie Ballack oder Gomez, gliedern sich in das Heer ein und ordnen sich der Gleichmäßigkeit der Disziplin unter. So entsteht eine Armee aus 23 Spielern, in der ein Rädchen das andere ersetzen kann, aber vor allem auch eins ins andere greift. Ein Klischee wird Vizemeister. Olé olé!
(Liebe 11Freunde-Redaktion, besser als ein Fußballessay vom Ströbele is das ja wohl. Gebt mir ein Premiereabo!)
Add comment Juli 7, 2008
11 Beobachtungen zum Spiel Rumänien gegen Frankreich
1. Rumänien ist eine junge Republik, entsprechend inbrünstig wird die Hymne gesungen. Besonders hervor tut sich dabei Cristian Chivu, der die Hymne schmettert, als hätte er denselben Alkoholpegel wie der Fanblock.
2. Tom Bartels hält Thuram (Frankreich) und Mutu (Rumänien) für Teamkollegen bei Juventus Turin. Seit dem Zwangsabstieg von Turin vor zwei Jahren spielt Mutu für Florenz. Dürfen ARD-Reporter nur ARD kucken?
3. Domenech – der Intellektuelle unter den Trainern. Gibt es sonst noch einen mit so einer Denkerbrille? Mit diesen knochigen Wangen? Der Literatenwuschelfrisur? Den traurigen Augen? Der Zwergenstatur? Gibt es noch einen Franzosen? Er sieht aus wie jemand, der im Schulsport immer als Letzter in die Mannschaft gewählt wurde.
4. Flanken aus dem Halbfeld, das Markenzeichen und eine der Stärken von Willy Sagnol, sollen das Manko und die Schwäche von Willy Sagnol sein. Was bleibt dem Melancholiker auf der rechten Außenbahn da noch?
5. Nach 23 Minuten wird zum ersten Mal Mehmet Scholl erwähnt. Mir wird klar: ich habe die Vorstellung des neuen Traumpaars Beckmann-Scholl verpasst. Ein Ereignis, von dem in vielen Jahren mit den Worten:„Ich weiß noch genau, wo ich war, als Mehmet Scholl und Reinhold Beckmann zum ersten Mal…“, die Rede sein wird.
6. Halbzeit: Die Beckmann-Scholl-Zwillinge im schwarzen Aufreißerhemd. Man kann sie kaum unterscheiden. Die beiden wirken mindestens so müde, wie sie es dem Spiel attestieren.
7. Tom Bartels kommentiert wie jemand, der alles Bemerkenswerte im Fußball schon gesehen hat und deshalb nur die bedeutungslosen Dinge erwähnt. „Niculae und Niculae sind NICHT miteinander verwandt.“ Dann steht einer Eheschließung wohl nichts im Weg.
8. Die Penetranz, mit der Adrian Mutu zum Weltklassespieler geredet wird, erinnert an Pepe das Stinktier von Warner Bros., der bei keiner Frau landen kann.
9. Mindestens so sehr wie die Rumänen sehne ich einen George Hagi herbei, der angekotzt kuckt und den Ball einfach endlich ins Tor drischt. Auf Seiten der Franzosen wäre das nicht der Langweiler Zidane, sondern das wahre Genie Cantona.
10. 0:0 Endstand. Tröstet euch, liebe Franzosen, ein Unentschieden gegen den künftigen Europameister. Tröstet euch, liebe Rumänen, die Franzosen waren echt auch mal ganz gut.
11. Mehmet Scholl – das Österreich der Kommentatoren. Sein Glück: das gesamte Feld besteht aus lauter Österreichen.
1 comment Juni 9, 2008
9 Beobachtungen zum ersten EM-Tag
1. Die werten Gastgeber in der Schweiz haben ganz klar erkannt, dass kein Mensch Eröffnungsfeiern sehen mag/ sehen kann/ zu ertragen gewillt ist/ gut findet. Deshalb wurde ein Proforma-Freiwilligen-Ballett aufgezogen, das -dem Himmel sei Dank- sein Spektakel innerhalb von etwas über zehn Minuten runternudeln konnte.
2. Das Highlight für Béla Réthy an der Eröffnungsfeier war sicherlich der Auftritt von Miss Switzerland 2007. Man konnte deutlich hören, wie er verärgert den Schaum vor seinem Mund wegwischte, als der Regisseur von ihren Brüsten auf tanzende Kinder -oder schlimmer: Sepp Blatter- schnitt.
3. Dem ZDF ist offensichtlich nicht klar, dass die meisten Menschen nur äußerst widerwillig ihre Fernsehgebühren bezahlen. Wie sonst ist es zu erklären, dass man einen Studioaufbau in den Bodensee stellt, der in seinem Größenwahn an Wetten, dass erinnert?
4. Und überhaupt das Studio: eine Tribüne für 5000 Zuschauer?! Ein riesiges, grusliges Auge im Hintergrund, das man wegen seiner Geschmacklosigkeit bei Uri Geller oder auf der Expo erwarten würde!?
5. Wenn man einen Mann weinen sehen will, muss man nur den schweizer Fußball im Beisein von Urs Meyer erwähnen.
6. Was 2006 Jan „Chubaka“ Koller war, ist bei dieser EM Alexander Frei. Schade, wenn so einer so früh wegen einer Verletzung ausscheidet. Und wegen ihm dann sein ganzes Team.
7. Béla Réthy lobte beim Spiel Schweiz-Tschechien die Integrationsarbeit der Schweizer, weil bei ihnen so viele Spieler mit Migrationshintergrund in der Mannschaft stünden. So gesehen sollte sich die schweizer Politik die Frage gefallen lassen, warum man echte Verstärkungen wie Rakitic oder Petric nicht integrieren konnte, sondern eher fußballerische Schweizer wie Yakin oder Vonlanthen.
8. Der wichtigste Spieler der Portugiesen heißt nicht Cristiano Ronaldo, sondern Deco (sprich: Dehkuh). Er ist der Michael Ballack Portugals, seine Diagonalpässe würden auch einen Stefan Effenberg oder David Beckham stolz machen.
9. Die auffällige Humorlosigkeit deutscher Sportreporter gleicht einem Trauerspiel. Technische Pannen werden hilflos hingenommen, eigene Fehler werden peinlich ergriffen hastig korrigiert oder am liebsten gleich ignoriert. Der Vorteil: laufen Formel 1 auf RTL und Fußball im ZDF gleichzeitig, sieht man sich als Zuschauer keinerlei Niveauänderung ausgesetzt und kann so vollends in die schöne Welt des Sports eintauchen.
Add comment Juni 7, 2008