Selbst ist der Mann
Mittwoch war ich feiern, da kommt man schon mal auf komische Gesprächsthemen. Wir kamen auf Rex Guildo. Für die, die sich nicht erinnern: Rex Guildo war Schlagersänger. Er war die exotische, knusperbraune Erotikphantasie von Kneipenbesitzerinnen mit lila Dauerwellenfönfrisur der 90er. Er war die Schlager-Britney-Spears der 70er und dank Fiesta Mexicana kennt ihn praktisch jeder. 1999 nahm er sich durch einen Sprung aus seinem Badezimmerfenster das Leben.
Damit sind wir auch schon beim Thema: inwieweit mache ich durch falsche Zimmerwahl meinen Selbstmord zu einer noch erbärmlicheren Sache? Sollte man nicht, wenn man schon springen will, wenigstens von einer Dachterrasse springen? Ist das Badezimmer nicht eher Pulsaderzersägen, Ertränken und Föngrillen vorbehalten? Was wird aus einem Erhängten, wenn er nicht mehr auf einem Dachboden oder in einem Keller baumelt? Und wie steht es mit Vergiften? Entschläft man im Bett oder auf der Couch? Oder doch lieber auf einem Fliesenboden, falls man doch noch kotzt?
Fragen über Fragen, die sich jeder stellen sollte, bevor er seinen Abschiedsbrief schreibt (Und schreibt man überhaupt einen Abschiedsbrief? Wenn ja, wie lang? Und an wen? Sagt man da tschüss? Oder danke?). Sollten das nicht die einzigen Probleme sein, die dich vom Selbstmord abhalten: Glückwunsch und weitermachen!
Der Bundesvision Song Contest
Deutschland ist ein merkwürdiges Land. Hier bestehen Menschen darauf, sich mit ihrem wertvollsten Gut (Nicht ihr Leben, ihr Auto!)mit größtmöglicher Geschwindigkeit durch die Landschaft schießen zu dürfen. Mütter, die arbeiten wollen, sollen einen Großteil ihres Gehalts dafür opfern, dass ihre Kinder betreut werden. Sie dürfen also arbeiten, um arbeiten zu dürfen. Und um in einer Kneipe rauchen zu dürfen, muss man diese in einen Club verwandeln und jeder Raucher muss sich in eine Liste eintragen, falls ein Kontrolleur kommt, um die Gesundheit der Nichtraucher zu behüten. Wo sonst könnte ein Metzger zum größten Fernsehunternehmer des Landes werden? Und was dieser Metzger nicht alles revolutionäres auf die Beine stellt: eine Wok-WM, eine Castingshow für echte Sänger oder auch einen Liederwettbewerb zwischen den 16 Bundesländern – den Bundesvision Song Contest.
Bei diesem Wettbewerb traten gestern 16 Bands gegeneinander an, die sich grob in drei Richtungen einteilen lassen: NDW-Postpunk-80s-Rock (Jennifer Rostock, Pauls Rekorder, Madsen etc.), Soul-Rap-Reaggea-Dancehall (Rapsoul, Laith al Deen, Culcha Candela, Far East Band, Sisters etc.) und Goth-Rock mit Mittelaltereinschlag (Subway to Sally, Down Below etc.). Überraschenderweise konnte die Radio-black-music-Fraktion nur schwer punkten und musste sich der Gitarrenmusik klar geschlagen geben. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen boten sich bis zum Schluss der sympathische Clueso mit einem wirklich netten Song und die Kuttenträgernerds von Subway to Sally. Bis zur Punktevergabe aus Niedersachsen konnte man noch hoffen, dass das Publikum ausnahmsweise geschmackssicher Clueso zum Sieger kürt, doch sein Einpuntkevorsprung sollte nicht reichen, 10 Punkte aus Niedersachen und damit der Sieg gingen an Subway to Sally. Wie schon beim Eurovision Song Contest 2006, als Lordi siegten, stellt sich mir die Frage, wie es sein kann, dass die Mischung aus veraltetem Hardrock und Mittelalterkitsch so viele Menschen anspricht. Werden wir insgeheim von den Rollenspielern und Zwirbelbartträgern dieser Welt regiert?
Und um die Diskussion des letztjährigen Eurovision Song Contests aufzunehmen: ist nicht auch in der Bundesvision ein deutlicher Osttrend zu erkennen? Immerhin machten den Sieg Brandenburg und Thüringen unter sich aus. Schanzen die vielen in den Westen ausgewanderten Ossis ihren Herkunftsländern unfairerweise die Punkte zu? Hat hier ein Ostklüngel seine Finger im Spiel? Wie kann es sein, dass der reiche Süden mit Punkteentzug abgestraft wird? Die Neiddebatte sollte neu aufgerollt werden.
Sex, Drugs und Unterhaltungsmusik
Wissenschaft besteht oft genug nur aus zählen und Zahlen vergleichen. Große Teile der Psychologie funktionieren so und auch in den Geisteswissenschaften haben die quantitativen Methoden Einzug gehalten. Diesem Beispiel folgend haben sich Mediziner der Universität Pittsburgh mit Musik auseinandergesetzt. Genauer genommen mit den 269 erfolgreichsten Titeln der US-Charts des Jahres 2005. Ihr Interesse lag dabei allerdings nicht auf der heilenden Wirkung von 50 Cent oder Madonna, sondern auf der Auseinandersetzung mit Drogen. So fanden sie heraus, dass 93 der 269 Songs, das ist immerhin ein Drittel, sich explizit auf Drogen-, Alkohol- oder Tabakgenuss bezog. Was in diesem Zusammenhang explizit heißt, kann ich leider nicht sagen. Was die Wissenschaftler besonders alarmierden fanden, war, dass sich nur vier der 93 Songs kritisch mit Drogenkonsum auseinandersetzen. Gegen die Dauerberieselung mit Prodrogensongs kann das bisschen Antidrogenkampagne ja nur abkacken.
Interessant für mich: Hip-Hop und Rap (wo auch immer da der Unterschied liegen mag) glorifizieren den Drogenkonsum bekanntermaßen besonders, aber auch im Country (36% der Countrysongs schildern die Einnahme von Drogen) geht es diesbezüglich zur Sache. Ich finde, eine weitere Untersuchung sollte prüfen, inwiefern Countrymusik die Generation George W. in die Sucht getrieben hat. Man mag sich gar nicht ausmalen, was hinter der Maske des schlechten Geschmacks in den Squaredanceclubs der Nationen noch alles vor sich gehen könnte. Es wird Zeit, einzugreifen!
Zungenkuss
Kerstin Grether, die klügste Frau des deutschen Musikjournalismus, schreibt endlich auch für eine Zeitung, die ich lese: die ZEIT. Bisher hab ich ihren Namen zwar nur unter einem kurzen Artikel über Madonna gelesen, aber schon das hat mich beglückt.
Frau Grether schafft es, überaus belesen, schlau, kenntnisreich und witzig über Musik im Speziellen und Popkultur im Allgemeinen zu schreiben, was den einen nicht gelingt, weil Pop für sie keine Kunst, sondern Prollkultur ist, den anderen, weil sie keine Ahnung haben und schlecht schreiben. Auch im Intro kann man ab und an ihre Perlen bestaunen, zur Legende wurde sie als Redakteurin der Spex, als die noch nicht beweint und in Köln statt in Berlin war. Zu empfehlen ist Kerstin Grethers Antologie „Zungenkuss – Du nennst es Kosmetik, ich nenn es Rock’n'Roll“, in der einem beispielsweise klar wird, dass Courtney Love eigentlich wirklich mal eine hoffnungsvolle Künstlerin war und dass Tocotronic toll sein könnten, wenn sie keine Musik machten.
Danke für Kerstin, Giovanni di Lorenzo.
Nachtrag
Ich habe das Album der Wombats nun zum zweiten Mal gehört und ja, schon besser! Auf jeden Fall gut genug, um am 06. April ins Atomic zu gehen und sie live zu sehen. Karten gibt’s für 13,60 €, das is doch mal ein Angebot.
Zwei Hits
Es gibt da ein Album, das macht mir grad Kopfzerbrechen. Es stammt von den jungen Herren der Formation The Wombats. Ein saudoofer Name, weshalb die Erwartungshaltung zunächst eher gering war. Dann hörte ich aber diesen Monsterhit im Radio:„Let’s dance to Joydivision, let’s celebrate the irony, everything is going wrong but we’re so happy…“.
Dancy!Dancy! Dancy!
Dann der zweite Hit: „I’m moving to New York ’cause I’ve got issues with my sleep…“.
Großartig!
Nun aber liegt das Album vor mir.
The Wombats present a guide to love, loss and desperation heißt es und irgendwie…irgendwie komm ich da nicht rein. Gut, bisher erst ein Mal gehört, aber die Hittigkeit der Singles wird vom Rest bei weitem nicht erreicht. Das wirkt hier mal zu beliebig und dort nervt dann vielleicht die Stimme schon. Die Frage nun: legt sich das beim Öfterhören oder sind der Band nur zwei Glückstreffer gelungen? Um das rauszufinden, stay tuned… (uuuuuuuuuhhh, ein Rezensionscliffhanger!)
Der gute Will I Am
Jeden morgen wenn ich dusche, laufen die selben zwei Lieder im Radio: der Überhit „When did your Heart go missing“ von Rooney und „I Got It From My Mama“ von Will.I.Am. (Da ich nicht immer zur selben Zeit dusche, muss man annehmen, dass die den ganzen Tag durchlaufen, aber es soll hier nicht um schlechtes Radio gehen.)
Will.I.Am behauptet in seinem Song, dass Frauen ihre Brüste, Hintern und den Rest ihrer Sexyness (Rest?) von ihren Müttern erben würden. Wäre diese Form der Vererbung richtig, gäbe es den Menschen wohl gar nicht. Denn wenn Mütter aussschließlich für Töchter und Männer ausschließlich für Söhne zuständig wären, wäre es für eine Frau in der Phylogenese falsch gewesen, einen Sohn auszutragen, und für einen Mann völliger Blödsinn, weiblichen Nachwuchs leben zu lassen. Das anthropische Prinzip, also allein die Tatsache, dass wir jetzt hier sind, spricht gegen Ihre Worte, Mr. I.Am! Alle Lebewesen, die sich durch Geschlechtsverkehr fortpflanzen, tragen zu jeweils 50% das Erbgut beider Elternteile in sich. Wofür halten Sie Sex, Mr. I.Am?
Es könnte hieraus ein betimmtes Männerbild sprechen. Denn wenn Frauen ihre Weiblichkeit ausschließlich von Frauen erhalten, spricht das Männer von jeglicher femininer Ader frei. Bei Willie ist der Mann noch ganz Mann. Scheinbar ein ziemlich typisches Rollenverständnis in R’n'B und Hip Hop, wo der Mann der wilde Gangster ist, der die Kohle für die Familie ranschafft, und wo die Frau Hausfrau, Mutter und Hure ist. Die einen definieren sich über ihren Bizeps und ihr Blingbling, die anderen über die Geschwindigkeit, mit der sie ihre Hintern wackeln lassen können. Mama wär stolz.
Wie-Wie-Wiederholung
Die Wiederholung gehört zur Musik wie das Atmen zum Leben. Sie macht Rhythmus, sie macht Refrain, sie macht Zugänglichkeit. Komisch wird es für mich, wenn die Wiederholung zu einer Art schöpferischem Prinzip wird, besonders, was das Texten angeht. Wenn ich Musik mache und auf eine Spielweise stoße, die ich schon mal verwendet habe, entsteht in mir eine Abwehrhaltung und ich suche nach etwas neuem. Dabei könnte genau diese Art Wiederholung auch zu einer Art Handschrift werden und für Homogenität im Werk sorgen.
Es gibt da einige Beispiele, bei denen man sich fragen kann, ob hier jemand einfach einfallslos bzw. auf ein bestimmtes Thema fixiert war, oder ob man absichtlich einen roten Faden in Form einer Textzeile weben will.
Coldplay hatten bisher auf jedem Album ein paar Lieblingswörter/-bilder oder auf dem letzen sogar einen Lieblingssatz. Auf Parachutes befand sich der arme Chris Martin noch ständig gefangen und von der Außenwelt abgeschnitten in Spiderwebs oder Bubbles. Und selbst der scheinbar rettende Fallschirm, der Parachute, wirkt in diesem Zusammenhang wie ein Mischwesen aus Spinnwebe und Blase. Auf A rush of blood to the head dann waren es die Clocks, die hier und da tickten, stets etwas verhießen oder ein Ende andeuteten. X&Y hält schließlich den Lösungssatz für alle Probleme parat und das gleich in drei Songs: and if you never try you never know. So betrachtet könnte man bei Parachutes noch von einem Kriselnden-Ich-Album sprechen, bei A rush of blood to the head von einem Es-wird-Wir-Album und bei X&Y schließlich von einem Es-wird-Du-Album. Chris Martin wird sozusagen vom Anrufer zum Domian.
Noch offensichtlicher ist die Vorliebe für ein bestimmtes Wort bei den momentanen Radiolieblingen von Snow Patrol (Übrigens eine relativ hässliche Band. Iren halt…). Wie heißt das Album? Open your eyes. Wie hieß die zweite Hitsingle? Shut your eyes. Wie heißt die Nachfolgesingle? Open your eyes. Augen auf, Augen zu, Augen auf, Augen zu. Die geschlossenen Augen…tja, eine Art Vertrauensbeweis. Und die geöffneten? Intimität, Blick in die Seele? Es geht wie so oft im Pop um Love und You, da kommt das Augending doch eigentlich ganz zwangsläufig.
Ein wenig spezieller, aber nicht weniger beharrlich wiederholen sich die Red Hot Chili Peppers. Für sie ist der Nabel der Welt die City of Angels (Under the bridge), weshalb sie der Californication frönen und dem Dany California huldigen.
Wer noch mehr solcher Motive kennt, darf sich ein Eis kaufen oder sie hier mit mir teilen.
Hard-Fi
Und übrigens: wer noch mehr „Oohhh Ooooh Oooohs“ und „Aaaah Aaah Aaahs“ mitsingen möchte als bei den Kaiser Chiefs, der kaufe sich bitte das neue Album von Hard-Fi namens „Once upon a time in the West„. Ein Haufen Hits und ein Sound, der zwar glatter als Klaxons klingt, der aber trotzdem so jetzig ist, wie’s nur geht. Fein.
Die Mafia
Übrigens muss ich sagen, dass ich in einem Laden für Telekommunikationsprodukte noch nie ordentlich behandelt wurde, geschweige denn so, dass ich nicht das Gefühl hätte, man wolle mich übers Ohr hauen oder mir den letzten Scheiß andrehen. Ich war heute zum Beipsiel in einem Arcor-Laden und wollte wissen, wieso ich immer noch 60€ pro Monat zahle statt weit unter 40€. Der Mensch wollte mir einen neuen Vertrag andrehen und hat behauptet, dass eine Änderung über die Hotline viiiiiiiiiiiel länger dauern würde. Nun hab ich meinen Vertrag soeben über die Hotline geändert und zahle ab sofort weniger. Gehören diese Menschen zum selben Unternehmen? Und warum muss ich mich als treudoofer Kunde erst ewig von einer doofen Computerstimme vollsabbeln lassen? Irgendwie ist Arcor die Telekom in blau.
Abschließend noch etwas erstaunliches: die erste vierte Single von Jeanette „Jeanny“ Biedermannn „How it’s got to be“ basiert auf einem Thema aus Schwanensee. Das verblüffende dabei ist, dass ich jetzt Schwanensee doof finde und nicht Jeanny toll.











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