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Barcelona
Traurig aber wahr: auch das Reisetagebuch für Barcelona umfasst keine drei Tage. Es ist eine Schande! Ausrede in diesem Fall: Mentalitätsassimilation. Klar würde eine Siesta auch dazu einladen, Erinnerungen Revue passieren zu lassen und niederzuschreiben, aber in erster Linie wird sie dazu genutzt, zu essen und zu schlafen. Und außerdem – das fällt mir ein, nun da ich tatsächlich Erinnerungen Revue passieren lasse – war mein edler Kugelschreiber, ein Ostergeschenk meiner lieben Mutter, defekt. Selbst Karten, die ich mit viel Liebe anzufertigen gedachte, verkamen zu kurz angebundenen kalligrafischen Katastrophen. Wie soll man mit so einem Schreibgerät erst Geschichten niederschreiben, die über den Inhalt einer Postkarte hinausgehen? Eben. Diese Einleitung nun schafft genau die richtige Stimmung für folgende Geschichte, die eine grausame Wahrheit über Barcelona kundtut.

Die Eltern warnten, dass man sich vor den Taschendieben in Acht nehmen solle, sie hätten es im Fernsehen gesehen, wie es dort zugehe. Und auch entfernten Bekannten fällt zum Thema Barcelona nicht mehr ein als „Räuber, Diebe, Schwerenöter!“. Der Reiseführer warnt, dass man sich seine selige Urlaubsstimmung nicht von den ansonsten harmlosen Taschendieben verderben lassen solle. Das fällt einem als Redakteur, der allein auf Rechnung des Spesenkontos reist und in jungen Jahren eine schwere Malaria überstanden hat, die ihm zeigte, dass es im Leben nicht auf materielle Werte ankommt, sicher leichter als als armen 08/15-Touri. Denn die Horrorgeschichten um die Horden von Taschendieben auf den Ramblas und um sie herum sind wahr. Schon am ersten Abend sind 50 deutsche Euro gestohlen. Nun pass gut auf, geehrter Leser, denn wenn man so einen Diebstahl einmal miterlebt hat (und die Schilderung wird so plastisch werden, dass es sich anfühlt, als wärst du der Bestohlene), sollte es einem kein zweites Mal (außer vielleicht betrunken oder unter dem Einfluss harter Drogen) passieren, so plump ist die Vorgehensweise.
„Hello my Friend!“ (So macht der Dieb auf sich aufmerksam und weist sich als solcher aus.)
„Where are you going tonight? You like party?“ (Das ist sein Türöffner, denn natürlich LIEBEN wir Party.)
„Go to the Club XY! Look, I have a flyer!“ (Hier wird man nun darauf aufmerksam gemacht, dass der nette Onkel eher von der penetranten Sorte ist und man sich darauf konzentrieren sollte, ihn möglichst charmant abzuwimmeln. Doch Vorsicht…!)
„I show you how the girls are dancing there!“ (Das ist der Satz, zu dem ein offensichtlich irritierender Griff an die Gürtelschnalle folgt sowie ein weniger auffälliger Griff zur Geldbörse.)
„Okay my Friends, have a good night!“ (Der Mann verlässt die Bühne.)
Während man also froh ist, einen Plagegeist losgeworden zu sein, ist andernorts ein Dieb froh, dass man es ihm doch immer wieder so einfach macht. Laut Guardia Civil erkennt man einen Dieb übrigens daran, dass er schwarz oder mindestens Araber ist. Das macht dann allerdings die Ermittlungen recht schwer, die sehen ja schließlich alle gleich aus.
Add comment September 23, 2009
Zur Europawahl
Der Jugend wird von älteren Semestern ja häufig vorgeworfen, sie sei verroht, sie habe keine Werte, sie sei im Großen und Ganzen der Sargnagel des ohnehin dem Untergang geweihten Abendlandes. Immer wieder hört man dann wiederum, dass das nun mal schon immer so war, dass auch zu Platos Zeiten schon die Jugend gescholten wurde und wir heute dennoch long and prosper leben. Auch Jesus durfte sich womöglich von seinem unleiblichen Vater Josef höhnische Bemerkungen zu seiner Frisur gefallen lassen und sich anhören, wie sehr er der Familie und dem Judentum doch schade.
Doch nun, bei der Europawahl, was seh ich da auf dem Stimmzettel? Zwei Jugendparteien, die Party für alle fordern? Nein. Die Anarchische Adoleszenzpartei, die die Schulen abschaffen will? Nein. Die Piratenpartei, die das Urheberrecht einstampfen will, um die Jugend zu entkriminalisieren? Zugegeben. Aber darüberhinaus? Ganze vier Parteien, die sich einzig und allein den Interessen von Rentnern widmen! Die Grauen, 50Plus, die RRP (Rentnerinnen und Rentner Partei) sowie die Rentner-Partei Deutschland buhlen um die Stimmen der Generation Ü-50.

„Uns geht es soooooo schlecht!“
Was fordern diese Parteien nun? Bequemere Parkbänke? Mehr Zeit für ihre Enkel? Nein. Die Alten waren auch mal jung, verroht und wertfrei, und fordern das, was auch der profanste Idiot noch fordern würde: mehr Geld. „Das Geld ist für die Banken frei, an uns Rentnern geht’s vorbei.“ Da nagen ganze Alterskohorten am Hungertuch und die EU schaut tatenlos zu, während Milliarden in den Erhalt eines Systems gepumpt werden, mit dem sie doch gar nichts zu tun haben, die Alten. Denken sie jedenfalls offensichtlich. Doch woher kommt die Rente eigentlich? Das weiß jeder ganz genau, der auch nur annähernd den Generationenvertrag kennt. Es handelt sich nicht um Ersparnisse und Reserven, die angelegt wurden, als man noch berufstätig war, nein, das Geld wird von allen derzeitig Erwerbstätigen erwirtschaftet. Wer also mehr Rente fordert, meint entweder, dass die Erwerbstätigen zu wenig erwirtschaften oder dass ihm schlicht und einfach mehr vom Kuchen zusteht. Gerade in Zeiten der Krise scheinen beide Positionen wenig angebracht.
Warum, liebe Rentner, nicht einfach mal selbstlos nach mehr Bildung für alle schreien? Warum nicht für Werte eintreten, die sich nicht in Ziffern auf dem eigenen Konto darstellen lassen, sondern einfach nur nötig sind, weil sie gut sind? Warum nur an das Jetzt denken und nicht an die Zukunft? Wo zeigt sich das Plus an Charakter oder Weisheit, dass euch von der Jugend abhebt? Mehrhabenwollen ist sicher keine Tugend, für die es sich zu kämpfen lohnt. Jesus hätte seinem Rentnervater sicher einen ganz einfachen Satz entgegnet: Geben ist seliger als nehmen. Und auch mit 100 hat man doch wohl sicher noch mehr zu geben als seinen Senf zur leidigen Rentendebatte.
4 comments Juni 7, 2009
Was ich immer schon einmal machen wollte (3): eine Mulattin heiraten
Ich würde gerne eine Mulattin heiraten, weil Mulattinnen häufig sehr hübsch sind. Das mag ein Klischee sein, aber es ist ein ebenso angenehmes Klischee wie das, dass alle Schwedinnen heiß sind. Solange man es nicht in Zweifel zieht oder man auf irgendeine Weise mit der grausamen Realität konfrontiert wird, lebt man mit solchen Klischees ziemlich gut. Leider ist es aber so, dass man Mulatte nicht mehr sagen darf. Dem Begriff haftet eine rassistische Konnotation an, deshalb sollte er –gerade im Angesicht unserer Vergangenheit- vermieden werden. Ein Mulatte ist ein Mensch, dessen einer Elternteil schwarz ist, der andere weiß. Ich wäre mit dieser Bezeichnung aber vorsichtig, denn ich bin mir nicht sicher, ob man Menschen, die eine dunkle Hautfarbe haben, als schwarz bezeichnen darf. Menschen mit heller Hautfarbe darf man aber meines Wissens nach als Weiße bezeichnen, so wie man zu blonden Menschen auch Blondine sagen darf (Bei Rothaarigen sollte man dasselbe vielleicht nicht tun, auch sie sind empfindlich, was Diskriminierung anhand gewisser Körpermerkmale angeht). Das mag daran liegen, dass Weiße als solche nie rassistisch verfolgt wurden. Sie wurden weiter unterschieden, beispielsweise in Arier, Juden, Zigeuner usw. Auch das vielleicht schon eine Art von Rassismus, dass man die eine Hautfarbe nur als diffuse Masse wahrnimmt, die andere aber bis ins kleinste zergliedert. Vielleicht auch einfach nur dem Unterscheidungswahn sämtlicher Nazis geschuldet.

„Rüschtüsch, mein Vater is schwarz, meine Mutter weiß.“
Wie der Begriff Nigger in den USA, wird angeblich auch Mulatte als Selbstbezeichnung der entsprechenden Gruppe verwendet. Das kann man doof finden und ist wohl auch doof, da man hier versucht, sich über ein negatives Außenbild selbst zu definieren. Ein Mulatte ist ein Mischling. Aber ist diese Bezeichnung nicht weniger schwierig. Vor die jeweilige Nationalität einfach ein „Afro“ zu setzten, um zu sagen, dass man eine dunklere Haut hat als der Durchschnitt, ist auch schwierig, wenn man mit Afrika so viel am Hut hat, wie ich mit den Wikingern. Ich werde also keine Mulattin heiraten. Auch keinen Mischling und keine Afrowasauchimmer. Vielleicht einfach eine, die weniger Sonnencreme braucht als ich?
Add comment Mai 19, 2009
Was ich immer schon einmal machen wollte (2): Lachsconfit
Die Erfahrung zeigt, dass die Frau von heute im Gegensatz zur Frau von gestern nicht mehr so gerne und gut kocht. Statt Rinderrouladen wird Salat mit Zeug hergestellt und gegessen, egal ob das einen männlichen Mittzwanziger satt und froh macht oder nicht. Deshalb ist Mann von heute, sofern er nicht mehr bei Mama wohnt, gezwungen, sich selbst an den Herd zu stellen und Fleischgerichte zu zaubern. Wie so häufig hat die Emanzipation auch beim Kochen nicht dazu geführt, dass sich beide Geschlechter einer Sache gleichgut widmen, sondern dass der eine seine Domäne aufgibt und der andere sie mehr oder weniger erfolgreich ausfüllt. So kommt es, dass eine ganze Generation junger Männer im Verhältnis zu ihren Altersgenossinnen erstaunlich gut kocht.

Wow, selbst geputzt!
Und diese Generation ist über Spiegelei und Spaghetti hinausgewachsen. Sie will Herausforderungen! Sie will beeindrucken! Sie will Meisterschaft! Jakobsmuscheln, Koberind, Wachteln! Spargel, Trüffel, Topinambur! Ingwer, Koriander, Kerbelwurzel!
Ich persönlich bin in diesem Zusammenhang auf ein Gericht gestoßen, das zunächst leicht pervers anmutet. Und damit ist tatsächlich nicht perverslecker gemeint, sondern pervers im Sinne von Sprechkäsefetisch. Denn wie es sich für ein Confit gehört wird hier Fleisch oder Fisch in sehr viel Öl gegart, was ursprünglich dazu diente, beispielsweise Gänsefleisch haltbar zu machen. Das Rezept ist eigentlich ganz einfach: man salze ein schönes Stück Lachs leicht ein, heize 2 Liter Olivenöl in einer feuerfesten Form im Ofen auf 40°C und lasse den Lachs darin 50 Minuten gar ziehen. Der Clou daran soll sein, dass der Lachs, der sonst gerne trocken wird, dies eben nicht tut und lachsiger schmeckt denn je. Im Gegensatz zum Frittieren ist das Öl allerdings vergleichsweise kalt, weshalb man sich kaum vorstellen kann, dass sich der Fisch nicht mit Öl vollsaugt und man praktisch auf einem Stück Olivenöl kaut, wenn man sich überwunden hat, den Mund zu öffnen.

Klingt nicht nur nicht so lecker, sieht auch nicht so lecker aus: Lachsconfit.
Zeugen berichten, dass der Fisch in der Tat überhaupt nicht nach Fett schmecke und sie selten besseren Lachs gegessen hätten. Nichtsdestotrotz habe ich es bis jetzt nicht gewagt, ein Stück Lachs (Sushiqualität) in Literweise (schönem) Olivenöl zu versenken. Der Kocholymp blieb mir damit bisher verschlossen. Solltest du mehr Eier haben, melde dich!
Add comment Mai 12, 2009
Was ich immer schon einmal machen wollte (1): Bayerntrainer sein
Fußball ist die schönste aller Sportarten. Man rennt, man kämpft, man schießt Tore. Die etwas besseren machen zwischendrin auch ab und zu einen Trick, die etwas schlechteren ein grobes Foul oder dumme Fehler; aber im Grunde reichen doch die ersten drei genannten Tätigkeiten, um Fußball zu spielen. Dass daraus ein riesiges Medienereignis, ein Kulturspektakel, der größte Sport überhaupt entstehen kann, ist wohl schwer nachzuvollziehen. Aber wer das schon nicht versteht, wird beim Gedanken an Paris Hilton wohl vollkommen den Verstand verlieren. Es ist, wie es ist, und der größte Verein der Welt oder immerhin Europas oder immerhin Deutschlands ist der große FC Bayern München. 21 Mal (bald 22) Deutscher Meister, 14 Mal DFB-Pokalsieger, 6 Mal Ligapokalsieger und auch international ab und zu ganz gut dabei (Champions League-Sieger 1974, 1975, 1976, 2001; UEFA-Pokalsieger 1996; Weltpokalsieger 1976, 2001).

Grobes Foul oder dummer Fehler? Manchmal schwer zu unterscheiden.
Um es als Spieler bis in diese Mannschaft zu schaffen, würde es für mich noch nicht einmal reichen, wenn alle auf Lell-Niveau spielten. Zumal der Zug nicht nur was das Talent angeht abgefahren ist, sondern auch was das Alter angeht. Mein Weg ist also der eines José Mourinho: vom talentfreien Spieler zum erfolgreichen Trainer. Jürgen Klinsmann (vom talentreichen Spieler zum erfolgsfreien Trainer), wurde soeben beim FC Bayern entlassen, Jupp Heynckes (geschätzte 125 Jahre) wurde als Interimstrainer engagiert. Es würde mich nicht wundern, wenn Uli Hoeneß auf der Suche nach einem Nachfolger auf mich aufmerksam werden würde. Ich bin charismatisch, ich kann schreien und ich kann nicht nur ein Spiel lesen, sondern auch den Spielbericht. Ich würde eine Mannschaft aufbauen, die mit einem epochemachenden 4-3-3 (adieu Raute, adieu Doppelsechs) Europas Elite schwindelig spielt und die Bundesliga im Vorbeigehen dominiert. Es gäbe keine Ottls oder Lells mehr, keine Rowdies wie van Bommel oder Stackser wie Luca Toni. Nur noch technisch versierte, junge Talente, die das Gesicht des Clubs über Jahre prägen und an die Epoche Mitte der 70er erinnern.
Aber nein, an der Säbener Straße werden weiterhin engstirnig kleine Brötchen gebacken. Statt ein bis zwei Jahre auf einen Titel zu verzichten, um dann erst recht und mit größerer Vehemenz zuzuschlagen, fährt man das Sicherheitsprogramm und wundert sich, warum man nicht mehr zur Crème in Europa gehört. Lieber FCB, wenn du mich nett bitten würdest, nähme ich die langwierige Trainerausbildung auf mich. Ich würde mich hocharbeiten, vom Jugendtrainer zu den Amateuren bis zu den Lehrgängen, auf die Matthias Sammer so viel Wert legt. Ich würde den Fans klarmachen, dass wir erst einmal nicht ganz oben mitspielen, dass es aber auch einen Fan ausmacht, nicht gleich zu buhen, wenn mal nicht alles rund läuft. Ich würde mit meinen Einwechslungen das berühmte goldene Händchen beweisen. Ich würde ein Finale verlieren. Ich würde meine Mannschaft schließlich doch zu Meisterschaften führen und meine Spieler würden beim Verein bleiben, auch wenn andere Clubs mit dickeren Geldbündeln wedeln.
Und irgendwann stünden wir dann im Mittelkreis eines der größten Stadien Europas und würden diesen riesigen Pott in die Höhe stemmen. Du und ich, lieber FCB…

Add comment Mai 2, 2009
La Guerrera
Der Fußball schreibt die verrücktesten Geschichten. Ka ching! Drei Euro ins Phrasenschwein. In Wirklichkeit sind es natürlich die Spieler, Manager, Funktionäre, Journalisten, Fans und alle anderen rund um die schönste aller Sportarten, die die crazy Geschichten abliefern. Es gibt die peinlichen Promiprollfußballer wie Lothar Matthäus oder Stefan Effenberg (Sonntag, 19:05 Uhr, RTL), die heulenden Manager wie Reiner Calmund oder Rudi Assauer (übrigens beide wegen des FCB). Es gibt Fans, die ihre eigenen Spieler erschießen, weil sie sich zur falschen Zeit am falschen Ort in einen Ball werfen (wie ein ecuadorianischer Spieler bei der WM 94 in den USA, der dadurch ein Eigentor erzielte), und es gibt Spiele, die Politik sind, beispielsweise wenn Israel gegen Iran spielen soll und Nordkorea gegen Südkorea tatsächlich spielt.
Was aber Paolo Guerrero vom großen HSV gerade abzieht, ist etwas Besonderes und schlägt in seinem Heimatland Peru offenbar große Wellen. Denn indem er gegen eine berühmte peruanische Moderatorin wegen Verleumdung vor Gericht zieht, facht er eine Diskussion zur Meinungsfreiheit in Peru an. Die Geschichte ist folgende: die Moderatorin Magaly Medina hat in einer ihrer Sendungen berichtet, dass Paolo Guerrero, nicht nur Spieler beim großen HSV, sondern auch in der Nationalmannschaft Perus, vor einem Länderspiel die Nacht in einer Discothek und nicht in seinem Bett verbracht hat. Laut Guerrero eine glatte Lüge, die er mithilfe eines wasserdichten Alibis vor Gericht auch entlarven konnte. Er fand allerdings sein Image so beschädigt, dass er sich gezwungen sah, Anzeige wegen Verleumdung zu erstatten und auf ein Schmerzensgeld zu bestehen. Dummerweise funktionieren die Gerichte in Peru anders als in Deutschland, wo so eine Klage niemanden wirklich ruinieren könnte. So drohen der Moderatorin jetzt nicht nur die Zahlung eines Schmerzensgeldes in Höhe von 19 000 €, sondern zudem fünf Monate Haft.

Da muss ich mich jetzt doch fragen: wusste Paolo nicht, was er mit so einer läppischen Klage anstellen kann oder findet er das tatsächlich eine gerechte Strafe für den möglichen Ausfall des ein oder anderen Werbevertrags? Ist man als HSV-Profi wirklich so bedürftig, dass man jemanden zur Wahrung seines Images in den Knast schickt? Auf der anderen Seite: darf eine Journalistin behaupten, was sie will, selbst wenn sie weiß, dass es sich um eine Lüge handelt? Und was ist eine angemessene Strafe dafür? Für Guerrero wird sich der Schaden in Grenzen halten, aber Leuten, die sich nicht zu wehren wissen, kann so eine Verleumdung die Existenz ruinieren. Gerade Medien, die sich auf wackliger Faktenlage abenteuerliche Geschichten zusammenreimen, berufen sich bei Klagen immer wieder gerne auf die Pressefreiheit beziehungsweise auf ihr Recht zur freien Meinungsäußerung. Ähnlich treiben es radikale Parteien, stehen sie nun rechts oder links.
Der Respekt vieler Medien vor den Persönlichkeitsrechten und der Privatsphäre anderer ist praktisch nicht vorhanden. Was bei vielen Prominenten noch ein Geschäft ist, von dem beide Seiten profitieren, wird spätestens bei den peinlichen Darbietungen dicklicher oder dümmlicher Jugendlicher in Castingshows zur einseitigen Ausbeutung. Auf der anderen stehen aber Journalisten, die neben Exekutive, Judikative und Legislative zur vierten Gewalt in einem demokratischen Staat gehören, und die auf die Pressefreiheit angewiesen sind. Sie dürfen darauf hoffen, nicht zensiert zu werden, wenn sie Korruption aufdecken, oder nicht in den Knast zu wandern, wenn sie den falschen Leuten auf die Füße treten. Magaly Medina kämpft nicht nur für sich, sondern auch für diese Journalisten. Auch wenn am Ende nur stehen mag … Ka ching!
2 comments Oktober 20, 2008
Inventur des Lebens (5): Jacken
Wie der geneigte Leser wohl bei Lektüre des letzten Artikels bemerkt haben dürfte, haben wir den Sanitärbereich verlassen und den Flur betreten, wo sowohl meine Zeitung als auch meine Jacken gelagert werden. (Vom Zeitung lesen auf der Toilette halte ich nichts, aber genau so gibt es Menschen, die Zeitung lesen in der U-Bahn für völlig abwegig halten.) Jacken und Jacketts könnten für Männer beim Shopping eine ähnliche Rolle spielen wie Schuhe und Handtaschen bei Frauen. Man findet immer mindestens eine, die einem gefällt und die man sofort kaufen würde, wenn das Jahr nur mehr Tage hätte und die Garderobe mehr Platz. Vom nichtvorhandenen Goldesel im Keller mal ganz abgesehen. Nach dem Kauf stellt man dann aber oft fest, dass man gar nichts hat, das man zu einem fleischfarbenen Sakko tragen könnte, oder dass nur Don Johnson gut in grasgrün aussieht.
Ein weiteres Problem ist, dass sich einem als Arbeiterkind und Student nicht allzu viele Anlässe bieten, ein Jackett zu tragen. Oft wirkt man dann overdressed oder zu wenig siffig, weil es sich eben nicht um ein Erbstück des bierverschüttenden Vaters handelt, sondern um einen Neuerwerb, der nicht sofort zerstört werden soll, weil so dicke hat man’s nun ja auch wieder nicht. Geschicktes Kombinieren ist hier die Maxime, höchste Sakkononchalance das Ziel. Wichtig ist vor allem das: taillierter Schnitt, drei Knöpfe einreihig, kein Glitzer, keine aufgestickten Drachen oder Startnummern etc. Dennoch sollte man nie wie ein Dandy oder Christian Kracht aussehen. Die Welt ist einfach noch nicht reif dafür…
Ähnliches gilt für Jacken und Anoraks, auch wenn da Funktionalität und Sportlichkeit mehr betont werden können und sollen. Sollte man also wegen seines Sakkos für schwul oder extrovertiert gehalten werden, muss die Jacke sagen: „Ich bin ein englischer Trinker und ich schrecke nicht davor zurück, davon Gebrauch zu machen!“ Als Orientierungshilfe dienen hier Oasis oder andere Hooligans. Um den Eindruck der Männlichkeit zu erhöhen, hilft es auch, die Jacke so zu tragen, dass ein normaler Mensch darin erfrieren würde. Im Winter also offen und am besten kragenlos. In manchen Kulturkreisen – der Bronx zum Beispiel – ist es üblich, so große Jacken zu tragen, dass man aussieht als trüge man einen Büffel auf den Schultern. Unter der Jacke natürlich. Auch hierdurch soll eine maximal männliche Wirkung erreicht werden. Ich persönlich habe mich für die Oasisversion entschieden, allerdings mit Kragen. Nun genieße ich das ängstliche Zurückschrecken der Passanten, wenn ich nachts um die Ecke biege. Muahaha.
Add comment Oktober 5, 2008
Inventur des Lebens (4): die Zeitung
Wie man sieht, habe ich schon sehr, sehr lange keinen Artikel mehr veröffentlicht. Daraus zu schließen, ich hätte in dieser Zeit nichts geschrieben, wäre fatal, aber leider ist es genau so. Bei einem Künstler würde man in so einem Fall wohl von kreativer Pause oder Schaffenskrise sprechen. Bei mir verhält es sich so, dass ich unheimlich faul bin und ich mir offensichtlich nur Zwänge auferlege, um etwas zu haben, mit dessen Fernbleiben ich mir das Faulsein versüße. Denn das Süße ist ja erst süß durch das Saure. So macht faul zu sein auch nur Spaß, wenn es etwas gibt, vor dem man sich drücken kann. Ein Heer depressiver Arbeitsloser wird mir da zustimmen.
Heute aber reiß ich mich auf einen Download wartend zusammen und führe meine so groß angekündigte Inventur des Lebens fort. Wenigstens um einen Artikel: die Zeitung. Vorher möchte ich mich noch bei allen bedanken, die überhaupt bemerkt haben, dass es hier schon seit längerem nichts neues mehr zu lesen gab. Eigentlich schreibe ich ja nur für mich, aber natürlich bin ich eitel genug, um mich über positives Feedback zu freuen. Ich persönlich finde auch die allerersten Artikel in diesem Blog noch ganz witzig, also wer die noch nicht gelesen hat, sollte sich nicht vor der Klickerei fürchten…
Die Zeitung also. Eines der vielen totgesagten Medien, das vom bösen Internet aufgefressen werden wird, bis nur noch eine blasse Erinnerung davon übrig ist. Die Menschen werden erst kein Geld mehr für journalistische Inhalte bezahlen, dann guten von schlechtem Journalismus nicht mehr unterscheiden können und schließlich vollkommen verdummen. Schon jetzt ist es ja so, dass ich mir meine täglichen Nachrichten von google zusammenstellen lasse und im Fernsehen am liebsten die Nachrichten im DSF kucke. Leisten kann ich mir das aber natürlich nur, weil ich sehr wohl eine Quelle der Aufklärung und des unabhängigen Journalismus habe, für die ich sogar brav bezahle: die ZEIT.
Zugegeben, es handelt sich hierbei nur um eine Wochenzeitung, aber gerade diese leichte Distanz zum allernächsten Zeitgeschehen ist die Stärke dieser Zeitung. Fast jeder Artikel ist hochgradig fundiert und reflektiert, nur selten wird übers Ziel hinausgeschossen oder absichtlich jemand verhöhnt. Wissen, Vernunft und journalistischer Ethos prägen diese Zeitung.
Nichtsdestotrotz lese ich fast immer zuerst das Magazin Leben, wenn ich die ZEIT donnerstags aus dem Briefkasten hole. Nichtsdestotrotz vermisse ich einen Sportteil und ein Feuilleton, für das Kultur auch außerhalb von Theatern, Verlagen und Opern stattfindet. Nichtsdestotrotz fallen einem Alleswisser und Leitartikler wie Josef Joffe oder Jens Jessen manchmal auf die Nerven. Aber genau so beeindruckend sind die beiden JJs eben auch. Wer sonst kann zu fast jedem beliebigen Thema innerhalb kürzester Zeit einen Artikel schreiben, der eine ganze Diskussion wiedergibt, ihr neue Aspekte verleiht und Hintergründe beleuchtet? (Okay, ich vielleicht, aber so eitel bin ich nun auch wieder nicht…)
Add comment Oktober 2, 2008
Inventur des Lebens (3): Toilettenpapier
Manchmal, in ruhigen Minuten, sitzt man da und überlegt, wie das, was man da tut, wohl andere so machen. Und manchmal interessiert das sogar große Konzerne. Wie zum Beispiel die Frage: Wie benutzen die anderen eigentlich ihr Klopapier? Und dann stellt man fest: die einen so, die andern so. Aber vor allem: die einen Länder so, die andern Länder so. Es gibt also tatsächlich kulturelle Unterschiede im Hinternabwischen. Gut, das wird einem auch klar, wenn man die Computertoiletten in Japan sieht, die einem den Hintern mithilfe eines Dampfstrahlers säubern, oder wenn man in Frankreich vor einem Bidet steht und sich fragt, wie man so süchtig nach Fußwäschen sein kann, dass man dafür ein eigenes Waschbecken hat. Aber auch was die Benutzung einer so einfachen Sache wie Klopapier angeht, unterscheiden sich die Kulturen.
Ein Großteil der Deutschen gehört zu den Klopapierfaltern. Das heißt, dass das Vertrauen in das vorhandene Papier nicht besonders groß ist und man aus vier Lagen mittels Faltung acht, 16, 32, usw. Lagen macht. Diese Tatsache machte es besonders dem amerikanischen Toilettenpapierhersteller Charmin schwer, sein Produkt auf Anhieb erfolgreich an den Mann zu bringen, da das Falten viel komplexere Anforderungen an das Papier stellt (Stichwort Scherkräfte!)als das Knüllen, das die meisten Amerikaner bevorzugen. Ich sehe da ganz klar das typische Sicherheitsbedürfnis, das den Deutschen auszeichnet und zu seiner Pedanterie führt, und den Eroberungsdrang des Amerikaners, der zu seiner Liebe zum Provisorium führt.
Der Wickler sowie der Ein-Blatt-Abreißer gehören übrigens zu Klopapierrandgruppen.
5 comments Juli 31, 2008
Inventur des Lebens (2): der Rasierer
Um nicht zu viel Pulver auf der 30-Tage-Reise zu verschießen, bleiben wir auch heute noch im Bad. Gerade hätte ich mich fast dazu hinreißen lassen, es auf mein Mannsein zu schieben, dass ich so wenige Geräte im Bad habe, aber leider ist es wohl doch so, dass mir zur Frau nur das Glätteisen fehlt; und das auch nur zur lockigen Frau. Einigen wir uns also darauf, dass sich Mann und Frau weniger unterscheiden, als einem immer wieder eingebläut wird. Vielleicht liegt der Unterschied aber auch darin, dass es unter Frauen nicht die eine große Frage gibt: Gillette oder Wilkinson? Sicherlich keine Frage, die die Menschheit ähnlich klar in zwei Lager teilt wie:“Lakritze…möchtest du?“. Dennoch gibt es sehr wahrscheinlich Männer, die Wilkinsonrasierer benutzen und zu nichts anderem greifen würden, wie es mich gibt, der auf Gillette schwört.
Im Prinzip besteht ein Gillette nämlich einfach nur aus Klingen und einem Griff. Mehr braucht man auch nicht, um aus einem kratzigen Indiana-Jones-Gesicht ein babyweiches James-Bond-Gesicht zu machen. Eigentlich nicht einmal den Griff. Genau diese Einfachheit ist es, die ihn gegenüber dem vor Schnickschnack strotzenden Wilkinson auszeichnet. Klingen hinter Gittern?! Wir sind doch nicht aus Zucker! Eine Trimmklinge?! Da fehlen mir ja nur noch der BMW Z3 und die Nickelback-CD!
Gut, dass es das gute Stück jetzt mit Batterien gibt, ist ein trauriges Kapitel Marketinggeschichte, aber mancher Mann steht eben noch nicht genug unter Strom. Vermutlich hat er den Gillette M3 Power gerade erst gegen seinen Wilkinson eingetauscht…
9 comments Juli 29, 2008