Posts filed under 'Den Menschen wie den Leuten'
Barcelona
Traurig aber wahr: auch das Reisetagebuch für Barcelona umfasst keine drei Tage. Es ist eine Schande! Ausrede in diesem Fall: Mentalitätsassimilation. Klar würde eine Siesta auch dazu einladen, Erinnerungen Revue passieren zu lassen und niederzuschreiben, aber in erster Linie wird sie dazu genutzt, zu essen und zu schlafen. Und außerdem – das fällt mir ein, nun da ich tatsächlich Erinnerungen Revue passieren lasse – war mein edler Kugelschreiber, ein Ostergeschenk meiner lieben Mutter, defekt. Selbst Karten, die ich mit viel Liebe anzufertigen gedachte, verkamen zu kurz angebundenen kalligrafischen Katastrophen. Wie soll man mit so einem Schreibgerät erst Geschichten niederschreiben, die über den Inhalt einer Postkarte hinausgehen? Eben. Diese Einleitung nun schafft genau die richtige Stimmung für folgende Geschichte, die eine grausame Wahrheit über Barcelona kundtut.

Die Eltern warnten, dass man sich vor den Taschendieben in Acht nehmen solle, sie hätten es im Fernsehen gesehen, wie es dort zugehe. Und auch entfernten Bekannten fällt zum Thema Barcelona nicht mehr ein als „Räuber, Diebe, Schwerenöter!“. Der Reiseführer warnt, dass man sich seine selige Urlaubsstimmung nicht von den ansonsten harmlosen Taschendieben verderben lassen solle. Das fällt einem als Redakteur, der allein auf Rechnung des Spesenkontos reist und in jungen Jahren eine schwere Malaria überstanden hat, die ihm zeigte, dass es im Leben nicht auf materielle Werte ankommt, sicher leichter als als armen 08/15-Touri. Denn die Horrorgeschichten um die Horden von Taschendieben auf den Ramblas und um sie herum sind wahr. Schon am ersten Abend sind 50 deutsche Euro gestohlen. Nun pass gut auf, geehrter Leser, denn wenn man so einen Diebstahl einmal miterlebt hat (und die Schilderung wird so plastisch werden, dass es sich anfühlt, als wärst du der Bestohlene), sollte es einem kein zweites Mal (außer vielleicht betrunken oder unter dem Einfluss harter Drogen) passieren, so plump ist die Vorgehensweise.
„Hello my Friend!“ (So macht der Dieb auf sich aufmerksam und weist sich als solcher aus.)
„Where are you going tonight? You like party?“ (Das ist sein Türöffner, denn natürlich LIEBEN wir Party.)
„Go to the Club XY! Look, I have a flyer!“ (Hier wird man nun darauf aufmerksam gemacht, dass der nette Onkel eher von der penetranten Sorte ist und man sich darauf konzentrieren sollte, ihn möglichst charmant abzuwimmeln. Doch Vorsicht…!)
„I show you how the girls are dancing there!“ (Das ist der Satz, zu dem ein offensichtlich irritierender Griff an die Gürtelschnalle folgt sowie ein weniger auffälliger Griff zur Geldbörse.)
„Okay my Friends, have a good night!“ (Der Mann verlässt die Bühne.)
Während man also froh ist, einen Plagegeist losgeworden zu sein, ist andernorts ein Dieb froh, dass man es ihm doch immer wieder so einfach macht. Laut Guardia Civil erkennt man einen Dieb übrigens daran, dass er schwarz oder mindestens Araber ist. Das macht dann allerdings die Ermittlungen recht schwer, die sehen ja schließlich alle gleich aus.
Add comment September 23, 2009
Was ich immer schon einmal machen wollte (3): eine Mulattin heiraten
Ich würde gerne eine Mulattin heiraten, weil Mulattinnen häufig sehr hübsch sind. Das mag ein Klischee sein, aber es ist ein ebenso angenehmes Klischee wie das, dass alle Schwedinnen heiß sind. Solange man es nicht in Zweifel zieht oder man auf irgendeine Weise mit der grausamen Realität konfrontiert wird, lebt man mit solchen Klischees ziemlich gut. Leider ist es aber so, dass man Mulatte nicht mehr sagen darf. Dem Begriff haftet eine rassistische Konnotation an, deshalb sollte er –gerade im Angesicht unserer Vergangenheit- vermieden werden. Ein Mulatte ist ein Mensch, dessen einer Elternteil schwarz ist, der andere weiß. Ich wäre mit dieser Bezeichnung aber vorsichtig, denn ich bin mir nicht sicher, ob man Menschen, die eine dunkle Hautfarbe haben, als schwarz bezeichnen darf. Menschen mit heller Hautfarbe darf man aber meines Wissens nach als Weiße bezeichnen, so wie man zu blonden Menschen auch Blondine sagen darf (Bei Rothaarigen sollte man dasselbe vielleicht nicht tun, auch sie sind empfindlich, was Diskriminierung anhand gewisser Körpermerkmale angeht). Das mag daran liegen, dass Weiße als solche nie rassistisch verfolgt wurden. Sie wurden weiter unterschieden, beispielsweise in Arier, Juden, Zigeuner usw. Auch das vielleicht schon eine Art von Rassismus, dass man die eine Hautfarbe nur als diffuse Masse wahrnimmt, die andere aber bis ins kleinste zergliedert. Vielleicht auch einfach nur dem Unterscheidungswahn sämtlicher Nazis geschuldet.

„Rüschtüsch, mein Vater is schwarz, meine Mutter weiß.“
Wie der Begriff Nigger in den USA, wird angeblich auch Mulatte als Selbstbezeichnung der entsprechenden Gruppe verwendet. Das kann man doof finden und ist wohl auch doof, da man hier versucht, sich über ein negatives Außenbild selbst zu definieren. Ein Mulatte ist ein Mischling. Aber ist diese Bezeichnung nicht weniger schwierig. Vor die jeweilige Nationalität einfach ein „Afro“ zu setzten, um zu sagen, dass man eine dunklere Haut hat als der Durchschnitt, ist auch schwierig, wenn man mit Afrika so viel am Hut hat, wie ich mit den Wikingern. Ich werde also keine Mulattin heiraten. Auch keinen Mischling und keine Afrowasauchimmer. Vielleicht einfach eine, die weniger Sonnencreme braucht als ich?
Add comment Mai 19, 2009
Was ich immer schon einmal machen wollte
Der Mensch ist voller Rätsel und voller Wünsche. Ein Beispiel: ich wollte vor kurzem (zumindest im Blog ist es nicht weit von hier entfernt) eine Inventur des Lebens durchführen. 30 Artikel an 30 Tagen. Jeden Tag ein Text über einen Gegenstand in meiner Wohnung, der mehr ist als nur dieser Gegenstand. Ein frommer Wunsch wie sich herausstellte.

Ich wollte nie Baseballastronaut werden.
Hier nun das Rätsel: wie kam es dazu? Wie konnte ich diese grandiose Idee –praktisch mein eigen Fleisch und Blut- so im Sand verlaufen lassen? Es gab durchaus positives Feedback für die ersten Episoden, ich hätte mich angestachelt fühlen können. Stattdessen gab ich mich der Prokrastination, der Aufschieberitis, hin und erfand jeden Tag neue Gründe, warum ich morgen sicher einen besseren Artikel schreiben würde als heute. „Morgen, morgen, nur nicht heute sagen alle faulen Leute.“ Danke, Volksmund. Aber ist man tatsächlich faul, wenn man etwas –egal was- exzessiv betreibt? Ist ein Partylöwe faul? Der Computer ist ein Arbeitsgerät. Wenn man den ganzen Tag davor sitzt, ist man doch nicht faul, oder? Im Aufschieben jedenfalls bin ich alles andere als faul. Und die gewonnene Zeit ist auch alles andere als Muße. Man fühlt sich ungut, man hat ein schlechtes Gewissen, ein großes Gewicht drückt einem auf die Schultern. Muss man am Ende des Tages immer gleich was Neues geschaffen haben? Und gibt es nicht noch viel mehr Gründe dafür, warum man Dinge, die man eigentlich gern täte, nicht tut? Wie wär’s mit Feigheit? Oder mal ein positives Attribut: Respekt? Egal aus welchen Gründen, ich gewisse Dinge nicht tue, die nächsten Texte sollen sich um Dinge drehen, die ich einmal machen wollte. Vielleicht werde ich die Gründe verraten, vielleicht werden die Dinge auch irgendwann einfach getan. Und vielleicht, lieber Leser (oder noch lieber: liebe Leserin), findest du dich, deine Wünsche und deine Rätsel selbst wieder. Vielleicht warst du aber auch einfach stärker und hast sie schon getan. Dann berichte!
Add comment April 28, 2009
La Guerrera
Der Fußball schreibt die verrücktesten Geschichten. Ka ching! Drei Euro ins Phrasenschwein. In Wirklichkeit sind es natürlich die Spieler, Manager, Funktionäre, Journalisten, Fans und alle anderen rund um die schönste aller Sportarten, die die crazy Geschichten abliefern. Es gibt die peinlichen Promiprollfußballer wie Lothar Matthäus oder Stefan Effenberg (Sonntag, 19:05 Uhr, RTL), die heulenden Manager wie Reiner Calmund oder Rudi Assauer (übrigens beide wegen des FCB). Es gibt Fans, die ihre eigenen Spieler erschießen, weil sie sich zur falschen Zeit am falschen Ort in einen Ball werfen (wie ein ecuadorianischer Spieler bei der WM 94 in den USA, der dadurch ein Eigentor erzielte), und es gibt Spiele, die Politik sind, beispielsweise wenn Israel gegen Iran spielen soll und Nordkorea gegen Südkorea tatsächlich spielt.
Was aber Paolo Guerrero vom großen HSV gerade abzieht, ist etwas Besonderes und schlägt in seinem Heimatland Peru offenbar große Wellen. Denn indem er gegen eine berühmte peruanische Moderatorin wegen Verleumdung vor Gericht zieht, facht er eine Diskussion zur Meinungsfreiheit in Peru an. Die Geschichte ist folgende: die Moderatorin Magaly Medina hat in einer ihrer Sendungen berichtet, dass Paolo Guerrero, nicht nur Spieler beim großen HSV, sondern auch in der Nationalmannschaft Perus, vor einem Länderspiel die Nacht in einer Discothek und nicht in seinem Bett verbracht hat. Laut Guerrero eine glatte Lüge, die er mithilfe eines wasserdichten Alibis vor Gericht auch entlarven konnte. Er fand allerdings sein Image so beschädigt, dass er sich gezwungen sah, Anzeige wegen Verleumdung zu erstatten und auf ein Schmerzensgeld zu bestehen. Dummerweise funktionieren die Gerichte in Peru anders als in Deutschland, wo so eine Klage niemanden wirklich ruinieren könnte. So drohen der Moderatorin jetzt nicht nur die Zahlung eines Schmerzensgeldes in Höhe von 19 000 €, sondern zudem fünf Monate Haft.

Da muss ich mich jetzt doch fragen: wusste Paolo nicht, was er mit so einer läppischen Klage anstellen kann oder findet er das tatsächlich eine gerechte Strafe für den möglichen Ausfall des ein oder anderen Werbevertrags? Ist man als HSV-Profi wirklich so bedürftig, dass man jemanden zur Wahrung seines Images in den Knast schickt? Auf der anderen Seite: darf eine Journalistin behaupten, was sie will, selbst wenn sie weiß, dass es sich um eine Lüge handelt? Und was ist eine angemessene Strafe dafür? Für Guerrero wird sich der Schaden in Grenzen halten, aber Leuten, die sich nicht zu wehren wissen, kann so eine Verleumdung die Existenz ruinieren. Gerade Medien, die sich auf wackliger Faktenlage abenteuerliche Geschichten zusammenreimen, berufen sich bei Klagen immer wieder gerne auf die Pressefreiheit beziehungsweise auf ihr Recht zur freien Meinungsäußerung. Ähnlich treiben es radikale Parteien, stehen sie nun rechts oder links.
Der Respekt vieler Medien vor den Persönlichkeitsrechten und der Privatsphäre anderer ist praktisch nicht vorhanden. Was bei vielen Prominenten noch ein Geschäft ist, von dem beide Seiten profitieren, wird spätestens bei den peinlichen Darbietungen dicklicher oder dümmlicher Jugendlicher in Castingshows zur einseitigen Ausbeutung. Auf der anderen stehen aber Journalisten, die neben Exekutive, Judikative und Legislative zur vierten Gewalt in einem demokratischen Staat gehören, und die auf die Pressefreiheit angewiesen sind. Sie dürfen darauf hoffen, nicht zensiert zu werden, wenn sie Korruption aufdecken, oder nicht in den Knast zu wandern, wenn sie den falschen Leuten auf die Füße treten. Magaly Medina kämpft nicht nur für sich, sondern auch für diese Journalisten. Auch wenn am Ende nur stehen mag … Ka ching!
2 comments Oktober 20, 2008
Inventur des Lebens (3): Toilettenpapier
Manchmal, in ruhigen Minuten, sitzt man da und überlegt, wie das, was man da tut, wohl andere so machen. Und manchmal interessiert das sogar große Konzerne. Wie zum Beispiel die Frage: Wie benutzen die anderen eigentlich ihr Klopapier? Und dann stellt man fest: die einen so, die andern so. Aber vor allem: die einen Länder so, die andern Länder so. Es gibt also tatsächlich kulturelle Unterschiede im Hinternabwischen. Gut, das wird einem auch klar, wenn man die Computertoiletten in Japan sieht, die einem den Hintern mithilfe eines Dampfstrahlers säubern, oder wenn man in Frankreich vor einem Bidet steht und sich fragt, wie man so süchtig nach Fußwäschen sein kann, dass man dafür ein eigenes Waschbecken hat. Aber auch was die Benutzung einer so einfachen Sache wie Klopapier angeht, unterscheiden sich die Kulturen.
Ein Großteil der Deutschen gehört zu den Klopapierfaltern. Das heißt, dass das Vertrauen in das vorhandene Papier nicht besonders groß ist und man aus vier Lagen mittels Faltung acht, 16, 32, usw. Lagen macht. Diese Tatsache machte es besonders dem amerikanischen Toilettenpapierhersteller Charmin schwer, sein Produkt auf Anhieb erfolgreich an den Mann zu bringen, da das Falten viel komplexere Anforderungen an das Papier stellt (Stichwort Scherkräfte!)als das Knüllen, das die meisten Amerikaner bevorzugen. Ich sehe da ganz klar das typische Sicherheitsbedürfnis, das den Deutschen auszeichnet und zu seiner Pedanterie führt, und den Eroberungsdrang des Amerikaners, der zu seiner Liebe zum Provisorium führt.
Der Wickler sowie der Ein-Blatt-Abreißer gehören übrigens zu Klopapierrandgruppen.
5 comments Juli 31, 2008
Entschuldigung! (Ausrede)
Wem war bitte nicht klar, dass ich das nicht durchhalten würde? Ich habe einen Job! Ich muss Hausarbeiten schreiben! Ich muss Bier trinken. Zudem fehlte mir, als ich noch fünf Minuten Zeit hatte, Inspiration. Die hab ich nun, aber 1. schlägt es grad fünf und 2. funktioniert meine Quelle für wichtigste Backgroundinformationen nicht. Ich muss zu Bett. Aber: ein Artikel ist da. Tadaaaa!
Add comment Juli 31, 2008
Inventur des Lebens (2): der Rasierer
Um nicht zu viel Pulver auf der 30-Tage-Reise zu verschießen, bleiben wir auch heute noch im Bad. Gerade hätte ich mich fast dazu hinreißen lassen, es auf mein Mannsein zu schieben, dass ich so wenige Geräte im Bad habe, aber leider ist es wohl doch so, dass mir zur Frau nur das Glätteisen fehlt; und das auch nur zur lockigen Frau. Einigen wir uns also darauf, dass sich Mann und Frau weniger unterscheiden, als einem immer wieder eingebläut wird. Vielleicht liegt der Unterschied aber auch darin, dass es unter Frauen nicht die eine große Frage gibt: Gillette oder Wilkinson? Sicherlich keine Frage, die die Menschheit ähnlich klar in zwei Lager teilt wie:“Lakritze…möchtest du?“. Dennoch gibt es sehr wahrscheinlich Männer, die Wilkinsonrasierer benutzen und zu nichts anderem greifen würden, wie es mich gibt, der auf Gillette schwört.
Im Prinzip besteht ein Gillette nämlich einfach nur aus Klingen und einem Griff. Mehr braucht man auch nicht, um aus einem kratzigen Indiana-Jones-Gesicht ein babyweiches James-Bond-Gesicht zu machen. Eigentlich nicht einmal den Griff. Genau diese Einfachheit ist es, die ihn gegenüber dem vor Schnickschnack strotzenden Wilkinson auszeichnet. Klingen hinter Gittern?! Wir sind doch nicht aus Zucker! Eine Trimmklinge?! Da fehlen mir ja nur noch der BMW Z3 und die Nickelback-CD!
Gut, dass es das gute Stück jetzt mit Batterien gibt, ist ein trauriges Kapitel Marketinggeschichte, aber mancher Mann steht eben noch nicht genug unter Strom. Vermutlich hat er den Gillette M3 Power gerade erst gegen seinen Wilkinson eingetauscht…
9 comments Juli 29, 2008
Inventur des Lebens (1): die Zahnbürste
Eigentlich beginnt jeder Tag gleich: aufwachen, kucken, wo man ist, Schluck Wasser trinken, Duschen, Zähne putzen. Jede Aktion für sich genommen wäre noch kein Startschuss, erst im Verband holen sie einen wirklich zurück ins Leben. Als würde der Siff der Nacht genauso einen Vorhang zur Realität bilden wie die geschlossenen Augenlider. Von diesem poetischen Bild sind es nur wenige Schritte zu meiner Zahnbürste. Sie ist blau-weiß, sie ist stark, sie ist elektrisch. Wer noch nie zuvor eine motorisierte Zahnbürste verwendet hat, wird sich womöglich denken, dass das etwas für alte Leute, Technikfreaks oder Zahnfanatiker sei. Aber nein!, elektronisches Zähneputzen ist schlicht und einfach das einzig wahre Zähneputzen.
Nie fühlten sich Zähne wohler, weißer oder sauberer. Nie war Zähneputzen meditativer. Es ist nicht so, dass ich meine Zähne nicht auch mit einer normalen, handbetriebenen Zahnbürste putzen könnte, so wie das Dr. Best vermutlich macht. Aber nur mit dem Wissen, dass ich irgendwann wieder das leise Brummen im Mund haben werde, mit dem ich jeden Tag beginne und jeden Tag beende. Man verwechsle diese Beziehung bitte nicht mit einem Oralfetisch, davon bin ich weit entfernt; es geht hier ausschließlich um die bessere von zwei Möglichkeiten. Um das Reinigen durch Oszillation. Um eine der praktischsten Arten, Strom zu ver(sch)wenden. Um eine der listigsten Ausreden, nicht mehr zum Zahnarzt zu müssen. Und wie viele Romane, Theaterstücke, Gedichte, Essays, Blogartikel und hohle Gedanken schon entstanden sein müssen, wenn man sich so in den kreisenden Bewegungen versenkt, dass man sich selbst vergisst, wie es sonst höchstens noch unter der Dusche passieren kann. Drei Minuten könnten nicht schneller vergehen. Wenn Buddha, Jesus oder Mohammed diese Zahnbürste noch erlebt hätte, ganze Weltreligionen sähen anders aus. Es gäbe kein Paradies oder Nirwana, es gäbe nur diese drei Minuten. Morgens und Abends und in alle Ewigkeit.
4 comments Juli 28, 2008
Inventur des Lebens
Mein Blog leidet, fürchte ich. Es will gefüttert, gehegt und gepflegt werden. Stattdessen lasse ich es links liegen und kümmere mich nicht. Daran sollte sich etwas ändern. Tatsächlich ist mir im Nachtbus nach Hause gestern eine Idee gekommen, mit der ich das Blögchen etwas hätscheln könnte. Ich rufe ein Projekt ins Leben, bei dem ich versuche, 30 Tage lang jeden Tag einen Text online zu stellen. Die Texte sollen sich im weitesten Sinne um Gegenstände in meinem Umfeld drehen, Gegenstände, die ich häufig benutze oder eben nicht, die ich gut finde oder eben nicht. Dadurch könnte eine Inventur meines Lebens entstehen. Oder eine Ansammlung willkürlich zusammenhängender Texte. Hauptsache das Blog rappelt sich dadurch etwas auf.
Das schöne an den Dingen, über die ich schreiben möchte, ist, dass sie ihre Existenz allein den Ideen, Plänen und Händen eines Menschen verdanken. Sie sind Teil und Ausdruck einer Kultur. Sie sind Deutschland. Ich werde mich wohl vom Bad zur Küche durch den Flur in mein Arbeits- / Wohn- / Schlafzimmer hangeln. Es ist aber auch möglich, dass sich diese Vorgehensweise als unnütz oder langweilig erweist und ich verzweifelt nach täglicher Inspiration suche. Grob geschätzt sollte ich tatsächlich über 30 verschiedene Gegenstände besitzen, über die man auch tatsächlich etwas zu sagen hat, aber eben nur grob geschätzt. Wenn sich herausstellt, dass ich ärmer bin, als ich dachte, werde ich an der 30-Tage-Regel festhalten und mir etwas einfallen lassen müssen.
Beginnen möchte ich morgen mit „die Zahnbürste“.
1 comment Juli 27, 2008
Der deutsche Fußball
Nationen, wie wir sie kennen und als natürlich empfinden, gibt es noch gar nicht so lange, wie man meinen könnte. Gerade Deutschland gibt es in den ungefähren heutigen Zügen erst seit 1871. Dennoch gibt es zu vielen Nationen -besonders denen des alten Europa- Symbole, die diese Nationen verkörpern oder sie charakterisieren sollen. So ist das Nationalsymbol der Engländer, der stolzen Engländer, das Meer, das sie umgibt. Das Meer ist das einzige „Terrain“, das die Engländer erobern können, ein unendlicher Raum und gleichzeitig ein unerbittlicher Gegner (zumindest zur Zeit, als diese Symbole entstanden). Doch das Meer ist auch die sicherste Grenze, die man sich wünschen kann, Angst vor Fremden muss man als Engländer folglich nicht zwingend haben, viel eher wird man sich über jeden Neuankömmling neugierig freuen.
Laut Elias Canetti ist das Nationalsymbol der Deutschen der Wald. Deutschland, das ganz im Gegensatz zu England nicht die splendid isolation genießt, sondern haufenweise Nachbarn hat, fühlt sich stets leicht vom Fremden bedroht und reagiert statt mit Neugier eher mit Ablehnung. Zuflucht vor dem ständigen Stress der Konfrontation mit dem Nicht-deutschen sucht die deutsche Seele nun Canetti zufolge im Wald. Der Wald ist beschaulich und menschenleer. Und vor allem: der Wald besitzt die vertikale Ordnung, die der Deutsche angeblich so liebt. Wie tapfere Soldaten ragen die Bäume gen Himmel, „der marschierende Wald“. Die Armee, der Wald als Tranquilizer.
Folgt man bei der Beobachtung der Armee Michel Foucault, ist sie eine Institution, die ihre Schlagkraft nicht aus der Förderung einzelner Talente bezieht, sondern aus der Schaffung einer absoluten Disziplin; jeder führt dieselbe Bewegung auf dieselbe Art und Weise aus. So entsteht ein aus einzelnen Gliedern bestehender Körper, der allein durch die Anwendung von Taktik in Bewegung gesetzt wird. Ein Rädchen greift ins andere.
Die Parallele zur deutschen Nationalmannschaft (dem Heer der Moderne) ist so erstaunlich wie offensichtlich. Während Mannschaften, die berühmt sind für ihren schönen Fußball, eher so wirken wie eine Trupe hochtalentierter Ritter, die zusammenspielen oder eben nicht, ist die deutsche Nationalmannschaft ein Heer, das nur funktioniert, wenn alle Teile mit höchster Disziplin (meinetwegen auch höckschter Dischziplin) derselben Taktik folgen. Wo andere auf den kreativen Einfall, die Genialität eines einzelnen setzen, gewinnen die Deutschen durch einstudierte Spielzüge. Bei den Spaniern kann man sagen, dass sie Europameister wegen der überragenden Fähigkeiten eines Xavi, Villa, Silva, Iniesta, Fabregas, Torres, Casillas, Ramos usw. geworden sind. Bei den Deutschen lässt sich nur schwer behaupten, dass sie bessere Fußballer als die Holländer, Italiener, Franzosen, Portugiesen, Russen, Tschechen, Türken usw. hätten und sie deswegen vor diesen allen Vizeeuropameister geworden seien. Es scheint viel mehr die vollkommene Homogenität des Mittelmaßes zu sein, die sie so erfolgreich macht. Selbst Spieler, die zur Weltklasseleistung taugen, wie Ballack oder Gomez, gliedern sich in das Heer ein und ordnen sich der Gleichmäßigkeit der Disziplin unter. So entsteht eine Armee aus 23 Spielern, in der ein Rädchen das andere ersetzen kann, aber vor allem auch eins ins andere greift. Ein Klischee wird Vizemeister. Olé olé!
(Liebe 11Freunde-Redaktion, besser als ein Fußballessay vom Ströbele is das ja wohl. Gebt mir ein Premiereabo!)
Add comment Juli 7, 2008