Was ich immer schon einmal machen wollte (4): Schlägern
Der Mann, was für ein Wesen!
Stolz, stark, bärtig! Männer fahren LKW. Männer spielen Eishockey. Männer kacken stundenlang. Männer reden über Fußball. Männer bekommen Bierbäuche. Männer spielen Powerchords.
Groß, geradeaus, genau! Männer gehen auf die Jagd. Männer tragen Mützen. Männer philosophieren. Männer basteln an Autos rum. Männer retten Menschenleben. Männer zeugen Söhne.

So stark sie auch manchmal wirken: auch Männer sind nicht unverwundbar.
Was echte Männer ebenfalls tun, sofern sie keine verweichlichten, sportverachtenden, von Natur aus übergewichtigen Intellektuellen sind: schlägern. Zumindest machen sie das in Rotlichtbezirken, in Zeitungen und Filmen, im Fernsehen, im Suff. Orte, Zustände und Medien, die ich zumindest teilweise kenne. Dennoch schlägerte ich nie. Meine Faust brach nie eine Nase, mein Ellbogen nie einen Kiefer. Mein Knie bohrte sich nie in eine Magengrube und auch meine Stirn traf nie auf ein bröckelndes Jochbein. Dabei ist es für den Jäger in uns eine existenzielle, initiierende Erfahrung, einen anderen geschlagen zu haben. Es steckt in uns! Denn sind wir ehrlich: Gründe gibt es genug.
Grund Nr. 1: Frauen. Wenn jemand das Mädchen hat, das du willst, oder er ebenfalls das Mädchen will, das du willst, aber aussichtsreichere Chancen hat, oder er einfach nur das Mädchen will, das du willst, oder er das Mädchen will, das du hast, dann ist das definitiv ein naturgegebener Grund ihm eine reinzuhauen. Der nicht ganz monogame, aber von der Weitergabe seiner Gene besessene Urmensch in uns sagt dann: „Besäße ich bereits eine Sprache und genug psychologisches Wissen, um dich tiefer zu verletzen als ich es mit meinen Fäusten je könnte, würde ich es tun. Aber so…“ Und zack!, hat man die schönste Schlägerei.
Grund Nr. 2: Ehre. Ein wesentlich kulturell ausgeprägterer und damit komplexerer (sprich: kaum nachvollziehbarer) Grund, sich einander nicht die Hand sondern die Faust zu reichen ist die Ehre. Ist diese angekratzt oder gekränkt, kommt es zu einem neurochemischen Prozess, den der Wissenschaftlicher in seinem abgehobenen akademischen Duktus als „Rotsehen“ bezeichnet. Ein Beispiel: Des Nächtens spaziert der Einwanderersohn Peter auf winterglattem Wege seiner Wohnung entgegen und gerät ins Rutschen. Achtsame Passanten raten ihm nun: „Obacht geben, länger leben.“ Sich herabgewürdigt fühlend fragt der junge Peter nun, ob die geschwätzigen Passanten meinten, er könne nicht auf sich selbst aufpassen oder leide an einer Behinderung, während er sich der höheren Bewegungsfreiheit wegen seiner Jacke entledigt. An dieser Stelle brechen wir die Erzählung ab, denn es wird wohl jedem klar sein, was nun folgt. Na gut, ein Wort noch: Blutbad.
Mehr Gründe für Schlägereien zu nennen fehlen hier leider der Platz und die Geduld des Lesers, doch reichen bereits diese beiden um sagen, dass einem stoischen Gemüt wie mir nicht so schnell der Hals schwillt, als dass es je zu einem Handgemenge mit meiner Beteiligung gekommen wäre. Dabei stell ich es mir schön vor, sich dermaßen gehen zu lassen, dass man vergisst, dass man ein Bär gefangen im Körper eines Jockeys ist und nicht der Bär selbst. So bleibt zu sagen, was der kluge Albaner weiß: „Die Frau und den Maulesel schlägt man mit Holz, einen Mann mit Worten.“
Die Welt durchs Googleauge
Letzte Woche hat sich der 32-jährige Fußballprofi Robert Enke das Leben genommen.
Das Medienecho, aber auch die Anteilnahme waren so groß, dass es wohl kaum jemanden in Deutschland gibt, der nichts davon mitbekommen hat. Doch auch außerhalb Deutschlands hat der Selbstmord des Torhüters Wellen geschlagen. Allerdings nicht überall gleichhohe. So ist es nicht verwunderlich, dass das Interesse in fußballbegeisterten Ländern mit reger Sportpresse groß war. In England, Irland, Spanien und Portugal dominiert Robert Enke die Googlesucheingaben genauso wie in Deutschland (Beispiel England). Anders in Italien: auch hier ist die Fußballbegeisterung groß, auch hier gibt es große Sportzeitungen, dennoch taucht Robert Enke nicht einmal in den Top 10 der Suchanfragen auf. Ein ähnliches Bild zeigt sich in Frankreich. Die deutschsprachigen Nachbarn wiederum suchen ähnlich wie die Deutschen sehr häufig nach Robert Enke oder seiner Frau. Die östlichen wie auch die westlichen Nachbarn hingegen scheinen noch nicht einmal von den Ereignissen gehört zu haben.
Wie erklären sich nun diese Unterschiede? Zunächst zu Spanien und Portugal: Robert Enke hatte in beiden Ländern Karrierestationen, vor dem Pokalspiel von Barcelona am Dienstag gab es eine Schweigeminute. Die Anteilnahme ist also nicht sonderlich verwunderlich, man kannte und schätzte ihn. England betont zwar stets die große Konkurrenz zu Deutschland, doch zeigt die Insel offensichtlich Interesse am Geschehen auf dem Festland. Anders Frankreich, Italien, Belgien, Holland, Polen und Tschechien, wo man sich entweder extrem wenig um Fußball oder aber um Deutschland schert. Der Schweiz und Österreich zu guter Letzt bleibt wohl nichts anderes übrig als die deutschen Interessen zu teilen. Zu groß scheint hier die mediale Vorherrschaft der Deutschen. Ob es sich bei den Suchanfragen tatsächlich um Anteilnahme oder reine Neugier handelt, kann Google natürlich nicht beantworten, aber aufschlussreich ist das Stöbern in den Statistiken allemal.
Siegen – Stadt des Sodbrennens
Ich weiß, lieber Leser, du bist klug, du bist belesen, du siehst nie fern. Und wenn du fernsiehst, dann nur ARTE. Wenn nicht ARTE, dann immerhin öffentlich-rechtlich. Und sollte dein Finger auf der Fernbedienung doch einmal einen Privatsender erwischt haben, dann nur bei diesen hochklassigen amerikanischen Serien, die ohnehin in deinem DVD-Regal stehen, damit du sie nicht in den unsäglichen deutschen Synchronversionen gucken musst. Du siehst sie also im Privatfernsehen auf Deutsch, um dich sicherheitshalber noch einmal davon zu überzeugen, dass das, was sich das Fußvolk da reinzieht, gar nicht geht. Das ist edel, doch spätestens bei der Werbung bist du raus. So kommt es, dass dir womöglich gar nicht aufgefallen ist, dass es eine neue Volkskrankheit gibt. Sie brennt, sie schmeckt gallig, sie macht unattraktiv. Doch Lösung ist nicht nur in Aussicht, sie ist sogar allgegenwärtig. Denn ein ganzes Geschwader an Pillen, Gels und Pulvern will dafür sorgen, dass wir nicht mehr leiden müssen an dieser Geißel der Menschheit, diesem Dämon im Brustkorb, diesem Roland Koch der Krankheiten: Sodbrennen.

Nicht nur der Frau mit der Axt im Kopf sollten Sie im Wartezimmer den Vortritt lassen.
Laut dubioser Statistiken, aber immerhin schwarz auf weiß, kennen 40% der Deutschen die Beschwerden von Sodbrennen aus eigener Erfahrung, 20% leiden genau in diesem Augenblick, da Menschen Sex haben, Gedichte geschrieben und Blumenwiesen durchschritten werden, unter Sodbrennen. Sie werfen sich zu Boden vor Schmerzen, krümmen sich, grünliche Flüssigkeit rinnt ihnen aus dem maladen Schlund. Kurzum: sie verlieren nicht nur ihre kindliche Unbedarftheit, ihren Drive, ihre Aura, nein, sie verlieren ihre Würde. Was wäre nun die Pharmaindustrie für ein herzloses Wesen, würde sie sich der geschundenen Kreaturen nicht annehmen? Du ahnst es, göttliche Gestalt eines Lesers, sie wäre nicht sie selbst! Und so kommt es, dass sie uns nicht irgendein Allerweltspülverchen vor die Füße wirft und uns mit Risiken und Nebenwirkungen behelligt. Stattdessen entwickelt sie ungefähr zwölf hochwirksame Mittel und lässt uns an deren Segen teilhaben. Für den smarten Vielflieger gibt es Omeloxan, für den blauen Typen von den X-Men Buscogast, für das Kind im Manne Gaviscon (Feuerwehr!) und für alle, die sich davon nicht angesprochen fühlen noch Pantozol, Riopan, Maaloxan… Wer eher auf Oldschoolprodukte schwört, wird sich Bullrichsalz einverleiben. Wie gesagt, für jeden ist etwas dabei. Erstaunlich aber, dass in anderen Ländern eher Frauen von Sodbrennen betroffen sind (Buscogast England, Pantozol Holland). Liegt das am Namen? Heartburn hat schließlich doch eine romantischere Note als das hölzern-saure Sodbrennen. Sollte es nun auch in dir gären, weißt du, dass da kein Inkubus auf deiner Brust sitzt, sondern dass du an einer Krankheit leidest, die leicht durch nicht-verschreibungspflichtige teure Medikamente geheilt werden kann.
Was das ganze nun mit Siegen zu tun hat? Nun, glaubt man den Googletrends, ist Sodbrennen eine Frage der Herkunft und Siegen ein echter Brennpunkt. Gesegnet ist wie so häufig der Bayer im Allgemeinen und der Münchner im Speziellen: in den Sodbrenntopten findet man München, fast wie den gesamten Süden, nicht.
Barcelona
Traurig aber wahr: auch das Reisetagebuch für Barcelona umfasst keine drei Tage. Es ist eine Schande! Ausrede in diesem Fall: Mentalitätsassimilation. Klar würde eine Siesta auch dazu einladen, Erinnerungen Revue passieren zu lassen und niederzuschreiben, aber in erster Linie wird sie dazu genutzt, zu essen und zu schlafen. Und außerdem – das fällt mir ein, nun da ich tatsächlich Erinnerungen Revue passieren lasse – war mein edler Kugelschreiber, ein Ostergeschenk meiner lieben Mutter, defekt. Selbst Karten, die ich mit viel Liebe anzufertigen gedachte, verkamen zu kurz angebundenen kalligrafischen Katastrophen. Wie soll man mit so einem Schreibgerät erst Geschichten niederschreiben, die über den Inhalt einer Postkarte hinausgehen? Eben. Diese Einleitung nun schafft genau die richtige Stimmung für folgende Geschichte, die eine grausame Wahrheit über Barcelona kundtut.

Die Eltern warnten, dass man sich vor den Taschendieben in Acht nehmen solle, sie hätten es im Fernsehen gesehen, wie es dort zugehe. Und auch entfernten Bekannten fällt zum Thema Barcelona nicht mehr ein als „Räuber, Diebe, Schwerenöter!“. Der Reiseführer warnt, dass man sich seine selige Urlaubsstimmung nicht von den ansonsten harmlosen Taschendieben verderben lassen solle. Das fällt einem als Redakteur, der allein auf Rechnung des Spesenkontos reist und in jungen Jahren eine schwere Malaria überstanden hat, die ihm zeigte, dass es im Leben nicht auf materielle Werte ankommt, sicher leichter als als armen 08/15-Touri. Denn die Horrorgeschichten um die Horden von Taschendieben auf den Ramblas und um sie herum sind wahr. Schon am ersten Abend sind 50 deutsche Euro gestohlen. Nun pass gut auf, geehrter Leser, denn wenn man so einen Diebstahl einmal miterlebt hat (und die Schilderung wird so plastisch werden, dass es sich anfühlt, als wärst du der Bestohlene), sollte es einem kein zweites Mal (außer vielleicht betrunken oder unter dem Einfluss harter Drogen) passieren, so plump ist die Vorgehensweise.
„Hello my Friend!“ (So macht der Dieb auf sich aufmerksam und weist sich als solcher aus.)
„Where are you going tonight? You like party?“ (Das ist sein Türöffner, denn natürlich LIEBEN wir Party.)
„Go to the Club XY! Look, I have a flyer!“ (Hier wird man nun darauf aufmerksam gemacht, dass der nette Onkel eher von der penetranten Sorte ist und man sich darauf konzentrieren sollte, ihn möglichst charmant abzuwimmeln. Doch Vorsicht…!)
„I show you how the girls are dancing there!“ (Das ist der Satz, zu dem ein offensichtlich irritierender Griff an die Gürtelschnalle folgt sowie ein weniger auffälliger Griff zur Geldbörse.)
„Okay my Friends, have a good night!“ (Der Mann verlässt die Bühne.)
Während man also froh ist, einen Plagegeist losgeworden zu sein, ist andernorts ein Dieb froh, dass man es ihm doch immer wieder so einfach macht. Laut Guardia Civil erkennt man einen Dieb übrigens daran, dass er schwarz oder mindestens Araber ist. Das macht dann allerdings die Ermittlungen recht schwer, die sehen ja schließlich alle gleich aus.
Was ich immer schon einmal machen wollte (3): eine Mulattin heiraten
Ich würde gerne eine Mulattin heiraten, weil Mulattinnen häufig sehr hübsch sind. Das mag ein Klischee sein, aber es ist ein ebenso angenehmes Klischee wie das, dass alle Schwedinnen heiß sind. Solange man es nicht in Zweifel zieht oder man auf irgendeine Weise mit der grausamen Realität konfrontiert wird, lebt man mit solchen Klischees ziemlich gut. Leider ist es aber so, dass man Mulatte nicht mehr sagen darf. Dem Begriff haftet eine rassistische Konnotation an, deshalb sollte er –gerade im Angesicht unserer Vergangenheit- vermieden werden. Ein Mulatte ist ein Mensch, dessen einer Elternteil schwarz ist, der andere weiß. Ich wäre mit dieser Bezeichnung aber vorsichtig, denn ich bin mir nicht sicher, ob man Menschen, die eine dunkle Hautfarbe haben, als schwarz bezeichnen darf. Menschen mit heller Hautfarbe darf man aber meines Wissens nach als Weiße bezeichnen, so wie man zu blonden Menschen auch Blondine sagen darf (Bei Rothaarigen sollte man dasselbe vielleicht nicht tun, auch sie sind empfindlich, was Diskriminierung anhand gewisser Körpermerkmale angeht). Das mag daran liegen, dass Weiße als solche nie rassistisch verfolgt wurden. Sie wurden weiter unterschieden, beispielsweise in Arier, Juden, Zigeuner usw. Auch das vielleicht schon eine Art von Rassismus, dass man die eine Hautfarbe nur als diffuse Masse wahrnimmt, die andere aber bis ins kleinste zergliedert. Vielleicht auch einfach nur dem Unterscheidungswahn sämtlicher Nazis geschuldet.

„Rüschtüsch, mein Vater is schwarz, meine Mutter weiß.“
Wie der Begriff Nigger in den USA, wird angeblich auch Mulatte als Selbstbezeichnung der entsprechenden Gruppe verwendet. Das kann man doof finden und ist wohl auch doof, da man hier versucht, sich über ein negatives Außenbild selbst zu definieren. Ein Mulatte ist ein Mischling. Aber ist diese Bezeichnung nicht weniger schwierig. Vor die jeweilige Nationalität einfach ein „Afro“ zu setzten, um zu sagen, dass man eine dunklere Haut hat als der Durchschnitt, ist auch schwierig, wenn man mit Afrika so viel am Hut hat, wie ich mit den Wikingern. Ich werde also keine Mulattin heiraten. Auch keinen Mischling und keine Afrowasauchimmer. Vielleicht einfach eine, die weniger Sonnencreme braucht als ich?
Was ich immer schon einmal machen wollte
Der Mensch ist voller Rätsel und voller Wünsche. Ein Beispiel: ich wollte vor kurzem (zumindest im Blog ist es nicht weit von hier entfernt) eine Inventur des Lebens durchführen. 30 Artikel an 30 Tagen. Jeden Tag ein Text über einen Gegenstand in meiner Wohnung, der mehr ist als nur dieser Gegenstand. Ein frommer Wunsch wie sich herausstellte.

Ich wollte nie Baseballastronaut werden.
Hier nun das Rätsel: wie kam es dazu? Wie konnte ich diese grandiose Idee –praktisch mein eigen Fleisch und Blut- so im Sand verlaufen lassen? Es gab durchaus positives Feedback für die ersten Episoden, ich hätte mich angestachelt fühlen können. Stattdessen gab ich mich der Prokrastination, der Aufschieberitis, hin und erfand jeden Tag neue Gründe, warum ich morgen sicher einen besseren Artikel schreiben würde als heute. „Morgen, morgen, nur nicht heute sagen alle faulen Leute.“ Danke, Volksmund. Aber ist man tatsächlich faul, wenn man etwas –egal was- exzessiv betreibt? Ist ein Partylöwe faul? Der Computer ist ein Arbeitsgerät. Wenn man den ganzen Tag davor sitzt, ist man doch nicht faul, oder? Im Aufschieben jedenfalls bin ich alles andere als faul. Und die gewonnene Zeit ist auch alles andere als Muße. Man fühlt sich ungut, man hat ein schlechtes Gewissen, ein großes Gewicht drückt einem auf die Schultern. Muss man am Ende des Tages immer gleich was Neues geschaffen haben? Und gibt es nicht noch viel mehr Gründe dafür, warum man Dinge, die man eigentlich gern täte, nicht tut? Wie wär’s mit Feigheit? Oder mal ein positives Attribut: Respekt? Egal aus welchen Gründen, ich gewisse Dinge nicht tue, die nächsten Texte sollen sich um Dinge drehen, die ich einmal machen wollte. Vielleicht werde ich die Gründe verraten, vielleicht werden die Dinge auch irgendwann einfach getan. Und vielleicht, lieber Leser (oder noch lieber: liebe Leserin), findest du dich, deine Wünsche und deine Rätsel selbst wieder. Vielleicht warst du aber auch einfach stärker und hast sie schon getan. Dann berichte!
La Guerrera
Der Fußball schreibt die verrücktesten Geschichten. Ka ching! Drei Euro ins Phrasenschwein. In Wirklichkeit sind es natürlich die Spieler, Manager, Funktionäre, Journalisten, Fans und alle anderen rund um die schönste aller Sportarten, die die crazy Geschichten abliefern. Es gibt die peinlichen Promiprollfußballer wie Lothar Matthäus oder Stefan Effenberg (Sonntag, 19:05 Uhr, RTL), die heulenden Manager wie Reiner Calmund oder Rudi Assauer (übrigens beide wegen des FCB). Es gibt Fans, die ihre eigenen Spieler erschießen, weil sie sich zur falschen Zeit am falschen Ort in einen Ball werfen (wie ein ecuadorianischer Spieler bei der WM 94 in den USA, der dadurch ein Eigentor erzielte), und es gibt Spiele, die Politik sind, beispielsweise wenn Israel gegen Iran spielen soll und Nordkorea gegen Südkorea tatsächlich spielt.
Was aber Paolo Guerrero vom großen HSV gerade abzieht, ist etwas Besonderes und schlägt in seinem Heimatland Peru offenbar große Wellen. Denn indem er gegen eine berühmte peruanische Moderatorin wegen Verleumdung vor Gericht zieht, facht er eine Diskussion zur Meinungsfreiheit in Peru an. Die Geschichte ist folgende: die Moderatorin Magaly Medina hat in einer ihrer Sendungen berichtet, dass Paolo Guerrero, nicht nur Spieler beim großen HSV, sondern auch in der Nationalmannschaft Perus, vor einem Länderspiel die Nacht in einer Discothek und nicht in seinem Bett verbracht hat. Laut Guerrero eine glatte Lüge, die er mithilfe eines wasserdichten Alibis vor Gericht auch entlarven konnte. Er fand allerdings sein Image so beschädigt, dass er sich gezwungen sah, Anzeige wegen Verleumdung zu erstatten und auf ein Schmerzensgeld zu bestehen. Dummerweise funktionieren die Gerichte in Peru anders als in Deutschland, wo so eine Klage niemanden wirklich ruinieren könnte. So drohen der Moderatorin jetzt nicht nur die Zahlung eines Schmerzensgeldes in Höhe von 19 000 €, sondern zudem fünf Monate Haft.

Da muss ich mich jetzt doch fragen: wusste Paolo nicht, was er mit so einer läppischen Klage anstellen kann oder findet er das tatsächlich eine gerechte Strafe für den möglichen Ausfall des ein oder anderen Werbevertrags? Ist man als HSV-Profi wirklich so bedürftig, dass man jemanden zur Wahrung seines Images in den Knast schickt? Auf der anderen Seite: darf eine Journalistin behaupten, was sie will, selbst wenn sie weiß, dass es sich um eine Lüge handelt? Und was ist eine angemessene Strafe dafür? Für Guerrero wird sich der Schaden in Grenzen halten, aber Leuten, die sich nicht zu wehren wissen, kann so eine Verleumdung die Existenz ruinieren. Gerade Medien, die sich auf wackliger Faktenlage abenteuerliche Geschichten zusammenreimen, berufen sich bei Klagen immer wieder gerne auf die Pressefreiheit beziehungsweise auf ihr Recht zur freien Meinungsäußerung. Ähnlich treiben es radikale Parteien, stehen sie nun rechts oder links.
Der Respekt vieler Medien vor den Persönlichkeitsrechten und der Privatsphäre anderer ist praktisch nicht vorhanden. Was bei vielen Prominenten noch ein Geschäft ist, von dem beide Seiten profitieren, wird spätestens bei den peinlichen Darbietungen dicklicher oder dümmlicher Jugendlicher in Castingshows zur einseitigen Ausbeutung. Auf der anderen stehen aber Journalisten, die neben Exekutive, Judikative und Legislative zur vierten Gewalt in einem demokratischen Staat gehören, und die auf die Pressefreiheit angewiesen sind. Sie dürfen darauf hoffen, nicht zensiert zu werden, wenn sie Korruption aufdecken, oder nicht in den Knast zu wandern, wenn sie den falschen Leuten auf die Füße treten. Magaly Medina kämpft nicht nur für sich, sondern auch für diese Journalisten. Auch wenn am Ende nur stehen mag … Ka ching!
Inventur des Lebens (3): Toilettenpapier
Manchmal, in ruhigen Minuten, sitzt man da und überlegt, wie das, was man da tut, wohl andere so machen. Und manchmal interessiert das sogar große Konzerne. Wie zum Beispiel die Frage: Wie benutzen die anderen eigentlich ihr Klopapier? Und dann stellt man fest: die einen so, die andern so. Aber vor allem: die einen Länder so, die andern Länder so. Es gibt also tatsächlich kulturelle Unterschiede im Hinternabwischen. Gut, das wird einem auch klar, wenn man die Computertoiletten in Japan sieht, die einem den Hintern mithilfe eines Dampfstrahlers säubern, oder wenn man in Frankreich vor einem Bidet steht und sich fragt, wie man so süchtig nach Fußwäschen sein kann, dass man dafür ein eigenes Waschbecken hat. Aber auch was die Benutzung einer so einfachen Sache wie Klopapier angeht, unterscheiden sich die Kulturen.
Ein Großteil der Deutschen gehört zu den Klopapierfaltern. Das heißt, dass das Vertrauen in das vorhandene Papier nicht besonders groß ist und man aus vier Lagen mittels Faltung acht, 16, 32, usw. Lagen macht. Diese Tatsache machte es besonders dem amerikanischen Toilettenpapierhersteller Charmin schwer, sein Produkt auf Anhieb erfolgreich an den Mann zu bringen, da das Falten viel komplexere Anforderungen an das Papier stellt (Stichwort Scherkräfte!)als das Knüllen, das die meisten Amerikaner bevorzugen. Ich sehe da ganz klar das typische Sicherheitsbedürfnis, das den Deutschen auszeichnet und zu seiner Pedanterie führt, und den Eroberungsdrang des Amerikaners, der zu seiner Liebe zum Provisorium führt.
Der Wickler sowie der Ein-Blatt-Abreißer gehören übrigens zu Klopapierrandgruppen.
Entschuldigung! (Ausrede)
Wem war bitte nicht klar, dass ich das nicht durchhalten würde? Ich habe einen Job! Ich muss Hausarbeiten schreiben! Ich muss Bier trinken. Zudem fehlte mir, als ich noch fünf Minuten Zeit hatte, Inspiration. Die hab ich nun, aber 1. schlägt es grad fünf und 2. funktioniert meine Quelle für wichtigste Backgroundinformationen nicht. Ich muss zu Bett. Aber: ein Artikel ist da. Tadaaaa!
Inventur des Lebens (2): der Rasierer
Um nicht zu viel Pulver auf der 30-Tage-Reise zu verschießen, bleiben wir auch heute noch im Bad. Gerade hätte ich mich fast dazu hinreißen lassen, es auf mein Mannsein zu schieben, dass ich so wenige Geräte im Bad habe, aber leider ist es wohl doch so, dass mir zur Frau nur das Glätteisen fehlt; und das auch nur zur lockigen Frau. Einigen wir uns also darauf, dass sich Mann und Frau weniger unterscheiden, als einem immer wieder eingebläut wird. Vielleicht liegt der Unterschied aber auch darin, dass es unter Frauen nicht die eine große Frage gibt: Gillette oder Wilkinson? Sicherlich keine Frage, die die Menschheit ähnlich klar in zwei Lager teilt wie:“Lakritze…möchtest du?“. Dennoch gibt es sehr wahrscheinlich Männer, die Wilkinsonrasierer benutzen und zu nichts anderem greifen würden, wie es mich gibt, der auf Gillette schwört.
Im Prinzip besteht ein Gillette nämlich einfach nur aus Klingen und einem Griff. Mehr braucht man auch nicht, um aus einem kratzigen Indiana-Jones-Gesicht ein babyweiches James-Bond-Gesicht zu machen. Eigentlich nicht einmal den Griff. Genau diese Einfachheit ist es, die ihn gegenüber dem vor Schnickschnack strotzenden Wilkinson auszeichnet. Klingen hinter Gittern?! Wir sind doch nicht aus Zucker! Eine Trimmklinge?! Da fehlen mir ja nur noch der BMW Z3 und die Nickelback-CD!
Gut, dass es das gute Stück jetzt mit Batterien gibt, ist ein trauriges Kapitel Marketinggeschichte, aber mancher Mann steht eben noch nicht genug unter Strom. Vermutlich hat er den Gillette M3 Power gerade erst gegen seinen Wilkinson eingetauscht…
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