Inventur des Lebens (5): Jacken
Oktober 5, 2008
Wie der geneigte Leser wohl bei Lektüre des letzten Artikels bemerkt haben dürfte, haben wir den Sanitärbereich verlassen und den Flur betreten, wo sowohl meine Zeitung als auch meine Jacken gelagert werden. (Vom Zeitung lesen auf der Toilette halte ich nichts, aber genau so gibt es Menschen, die Zeitung lesen in der U-Bahn für völlig abwegig halten.) Jacken und Jacketts könnten für Männer beim Shopping eine ähnliche Rolle spielen wie Schuhe und Handtaschen bei Frauen. Man findet immer mindestens eine, die einem gefällt und die man sofort kaufen würde, wenn das Jahr nur mehr Tage hätte und die Garderobe mehr Platz. Vom nichtvorhandenen Goldesel im Keller mal ganz abgesehen. Nach dem Kauf stellt man dann aber oft fest, dass man gar nichts hat, das man zu einem fleischfarbenen Sakko tragen könnte, oder dass nur Don Johnson gut in grasgrün aussieht.
Ein weiteres Problem ist, dass sich einem als Arbeiterkind und Student nicht allzu viele Anlässe bieten, ein Jackett zu tragen. Oft wirkt man dann overdressed oder zu wenig siffig, weil es sich eben nicht um ein Erbstück des bierverschüttenden Vaters handelt, sondern um einen Neuerwerb, der nicht sofort zerstört werden soll, weil so dicke hat man’s nun ja auch wieder nicht. Geschicktes Kombinieren ist hier die Maxime, höchste Sakkononchalance das Ziel. Wichtig ist vor allem das: taillierter Schnitt, drei Knöpfe einreihig, kein Glitzer, keine aufgestickten Drachen oder Startnummern etc. Dennoch sollte man nie wie ein Dandy oder Christian Kracht aussehen. Die Welt ist einfach noch nicht reif dafür…
Ähnliches gilt für Jacken und Anoraks, auch wenn da Funktionalität und Sportlichkeit mehr betont werden können und sollen. Sollte man also wegen seines Sakkos für schwul oder extrovertiert gehalten werden, muss die Jacke sagen: „Ich bin ein englischer Trinker und ich schrecke nicht davor zurück, davon Gebrauch zu machen!“ Als Orientierungshilfe dienen hier Oasis oder andere Hooligans. Um den Eindruck der Männlichkeit zu erhöhen, hilft es auch, die Jacke so zu tragen, dass ein normaler Mensch darin erfrieren würde. Im Winter also offen und am besten kragenlos. In manchen Kulturkreisen – der Bronx zum Beispiel – ist es üblich, so große Jacken zu tragen, dass man aussieht als trüge man einen Büffel auf den Schultern. Unter der Jacke natürlich. Auch hierdurch soll eine maximal männliche Wirkung erreicht werden. Ich persönlich habe mich für die Oasisversion entschieden, allerdings mit Kragen. Nun genieße ich das ängstliche Zurückschrecken der Passanten, wenn ich nachts um die Ecke biege. Muahaha.
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