Inventur des Lebens (4): die Zeitung
Wie man sieht, habe ich schon sehr, sehr lange keinen Artikel mehr veröffentlicht. Daraus zu schließen, ich hätte in dieser Zeit nichts geschrieben, wäre fatal, aber leider ist es genau so. Bei einem Künstler würde man in so einem Fall wohl von kreativer Pause oder Schaffenskrise sprechen. Bei mir verhält es sich so, dass ich unheimlich faul bin und ich mir offensichtlich nur Zwänge auferlege, um etwas zu haben, mit dessen Fernbleiben ich mir das Faulsein versüße. Denn das Süße ist ja erst süß durch das Saure. So macht faul zu sein auch nur Spaß, wenn es etwas gibt, vor dem man sich drücken kann. Ein Heer depressiver Arbeitsloser wird mir da zustimmen.
Heute aber reiß ich mich auf einen Download wartend zusammen und führe meine so groß angekündigte Inventur des Lebens fort. Wenigstens um einen Artikel: die Zeitung. Vorher möchte ich mich noch bei allen bedanken, die überhaupt bemerkt haben, dass es hier schon seit längerem nichts neues mehr zu lesen gab. Eigentlich schreibe ich ja nur für mich, aber natürlich bin ich eitel genug, um mich über positives Feedback zu freuen. Ich persönlich finde auch die allerersten Artikel in diesem Blog noch ganz witzig, also wer die noch nicht gelesen hat, sollte sich nicht vor der Klickerei fürchten…
Die Zeitung also. Eines der vielen totgesagten Medien, das vom bösen Internet aufgefressen werden wird, bis nur noch eine blasse Erinnerung davon übrig ist. Die Menschen werden erst kein Geld mehr für journalistische Inhalte bezahlen, dann guten von schlechtem Journalismus nicht mehr unterscheiden können und schließlich vollkommen verdummen. Schon jetzt ist es ja so, dass ich mir meine täglichen Nachrichten von google zusammenstellen lasse und im Fernsehen am liebsten die Nachrichten im DSF kucke. Leisten kann ich mir das aber natürlich nur, weil ich sehr wohl eine Quelle der Aufklärung und des unabhängigen Journalismus habe, für die ich sogar brav bezahle: die ZEIT.
Zugegeben, es handelt sich hierbei nur um eine Wochenzeitung, aber gerade diese leichte Distanz zum allernächsten Zeitgeschehen ist die Stärke dieser Zeitung. Fast jeder Artikel ist hochgradig fundiert und reflektiert, nur selten wird übers Ziel hinausgeschossen oder absichtlich jemand verhöhnt. Wissen, Vernunft und journalistischer Ethos prägen diese Zeitung.
Nichtsdestotrotz lese ich fast immer zuerst das Magazin Leben, wenn ich die ZEIT donnerstags aus dem Briefkasten hole. Nichtsdestotrotz vermisse ich einen Sportteil und ein Feuilleton, für das Kultur auch außerhalb von Theatern, Verlagen und Opern stattfindet. Nichtsdestotrotz fallen einem Alleswisser und Leitartikler wie Josef Joffe oder Jens Jessen manchmal auf die Nerven. Aber genau so beeindruckend sind die beiden JJs eben auch. Wer sonst kann zu fast jedem beliebigen Thema innerhalb kürzester Zeit einen Artikel schreiben, der eine ganze Diskussion wiedergibt, ihr neue Aspekte verleiht und Hintergründe beleuchtet? (Okay, ich vielleicht, aber so eitel bin ich nun auch wieder nicht…)
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