La Guerrera
Der Fußball schreibt die verrücktesten Geschichten. Ka ching! Drei Euro ins Phrasenschwein. In Wirklichkeit sind es natürlich die Spieler, Manager, Funktionäre, Journalisten, Fans und alle anderen rund um die schönste aller Sportarten, die die crazy Geschichten abliefern. Es gibt die peinlichen Promiprollfußballer wie Lothar Matthäus oder Stefan Effenberg (Sonntag, 19:05 Uhr, RTL), die heulenden Manager wie Reiner Calmund oder Rudi Assauer (übrigens beide wegen des FCB). Es gibt Fans, die ihre eigenen Spieler erschießen, weil sie sich zur falschen Zeit am falschen Ort in einen Ball werfen (wie ein ecuadorianischer Spieler bei der WM 94 in den USA, der dadurch ein Eigentor erzielte), und es gibt Spiele, die Politik sind, beispielsweise wenn Israel gegen Iran spielen soll und Nordkorea gegen Südkorea tatsächlich spielt.
Was aber Paolo Guerrero vom großen HSV gerade abzieht, ist etwas Besonderes und schlägt in seinem Heimatland Peru offenbar große Wellen. Denn indem er gegen eine berühmte peruanische Moderatorin wegen Verleumdung vor Gericht zieht, facht er eine Diskussion zur Meinungsfreiheit in Peru an. Die Geschichte ist folgende: die Moderatorin Magaly Medina hat in einer ihrer Sendungen berichtet, dass Paolo Guerrero, nicht nur Spieler beim großen HSV, sondern auch in der Nationalmannschaft Perus, vor einem Länderspiel die Nacht in einer Discothek und nicht in seinem Bett verbracht hat. Laut Guerrero eine glatte Lüge, die er mithilfe eines wasserdichten Alibis vor Gericht auch entlarven konnte. Er fand allerdings sein Image so beschädigt, dass er sich gezwungen sah, Anzeige wegen Verleumdung zu erstatten und auf ein Schmerzensgeld zu bestehen. Dummerweise funktionieren die Gerichte in Peru anders als in Deutschland, wo so eine Klage niemanden wirklich ruinieren könnte. So drohen der Moderatorin jetzt nicht nur die Zahlung eines Schmerzensgeldes in Höhe von 19 000 €, sondern zudem fünf Monate Haft.

Da muss ich mich jetzt doch fragen: wusste Paolo nicht, was er mit so einer läppischen Klage anstellen kann oder findet er das tatsächlich eine gerechte Strafe für den möglichen Ausfall des ein oder anderen Werbevertrags? Ist man als HSV-Profi wirklich so bedürftig, dass man jemanden zur Wahrung seines Images in den Knast schickt? Auf der anderen Seite: darf eine Journalistin behaupten, was sie will, selbst wenn sie weiß, dass es sich um eine Lüge handelt? Und was ist eine angemessene Strafe dafür? Für Guerrero wird sich der Schaden in Grenzen halten, aber Leuten, die sich nicht zu wehren wissen, kann so eine Verleumdung die Existenz ruinieren. Gerade Medien, die sich auf wackliger Faktenlage abenteuerliche Geschichten zusammenreimen, berufen sich bei Klagen immer wieder gerne auf die Pressefreiheit beziehungsweise auf ihr Recht zur freien Meinungsäußerung. Ähnlich treiben es radikale Parteien, stehen sie nun rechts oder links.
Der Respekt vieler Medien vor den Persönlichkeitsrechten und der Privatsphäre anderer ist praktisch nicht vorhanden. Was bei vielen Prominenten noch ein Geschäft ist, von dem beide Seiten profitieren, wird spätestens bei den peinlichen Darbietungen dicklicher oder dümmlicher Jugendlicher in Castingshows zur einseitigen Ausbeutung. Auf der anderen stehen aber Journalisten, die neben Exekutive, Judikative und Legislative zur vierten Gewalt in einem demokratischen Staat gehören, und die auf die Pressefreiheit angewiesen sind. Sie dürfen darauf hoffen, nicht zensiert zu werden, wenn sie Korruption aufdecken, oder nicht in den Knast zu wandern, wenn sie den falschen Leuten auf die Füße treten. Magaly Medina kämpft nicht nur für sich, sondern auch für diese Journalisten. Auch wenn am Ende nur stehen mag … Ka ching!
Inventur des Lebens (5): Jacken
Wie der geneigte Leser wohl bei Lektüre des letzten Artikels bemerkt haben dürfte, haben wir den Sanitärbereich verlassen und den Flur betreten, wo sowohl meine Zeitung als auch meine Jacken gelagert werden. (Vom Zeitung lesen auf der Toilette halte ich nichts, aber genau so gibt es Menschen, die Zeitung lesen in der U-Bahn für völlig abwegig halten.) Jacken und Jacketts könnten für Männer beim Shopping eine ähnliche Rolle spielen wie Schuhe und Handtaschen bei Frauen. Man findet immer mindestens eine, die einem gefällt und die man sofort kaufen würde, wenn das Jahr nur mehr Tage hätte und die Garderobe mehr Platz. Vom nichtvorhandenen Goldesel im Keller mal ganz abgesehen. Nach dem Kauf stellt man dann aber oft fest, dass man gar nichts hat, das man zu einem fleischfarbenen Sakko tragen könnte, oder dass nur Don Johnson gut in grasgrün aussieht.
Ein weiteres Problem ist, dass sich einem als Arbeiterkind und Student nicht allzu viele Anlässe bieten, ein Jackett zu tragen. Oft wirkt man dann overdressed oder zu wenig siffig, weil es sich eben nicht um ein Erbstück des bierverschüttenden Vaters handelt, sondern um einen Neuerwerb, der nicht sofort zerstört werden soll, weil so dicke hat man’s nun ja auch wieder nicht. Geschicktes Kombinieren ist hier die Maxime, höchste Sakkononchalance das Ziel. Wichtig ist vor allem das: taillierter Schnitt, drei Knöpfe einreihig, kein Glitzer, keine aufgestickten Drachen oder Startnummern etc. Dennoch sollte man nie wie ein Dandy oder Christian Kracht aussehen. Die Welt ist einfach noch nicht reif dafür…
Ähnliches gilt für Jacken und Anoraks, auch wenn da Funktionalität und Sportlichkeit mehr betont werden können und sollen. Sollte man also wegen seines Sakkos für schwul oder extrovertiert gehalten werden, muss die Jacke sagen: „Ich bin ein englischer Trinker und ich schrecke nicht davor zurück, davon Gebrauch zu machen!“ Als Orientierungshilfe dienen hier Oasis oder andere Hooligans. Um den Eindruck der Männlichkeit zu erhöhen, hilft es auch, die Jacke so zu tragen, dass ein normaler Mensch darin erfrieren würde. Im Winter also offen und am besten kragenlos. In manchen Kulturkreisen – der Bronx zum Beispiel – ist es üblich, so große Jacken zu tragen, dass man aussieht als trüge man einen Büffel auf den Schultern. Unter der Jacke natürlich. Auch hierdurch soll eine maximal männliche Wirkung erreicht werden. Ich persönlich habe mich für die Oasisversion entschieden, allerdings mit Kragen. Nun genieße ich das ängstliche Zurückschrecken der Passanten, wenn ich nachts um die Ecke biege. Muahaha.
Inventur des Lebens (4): die Zeitung
Wie man sieht, habe ich schon sehr, sehr lange keinen Artikel mehr veröffentlicht. Daraus zu schließen, ich hätte in dieser Zeit nichts geschrieben, wäre fatal, aber leider ist es genau so. Bei einem Künstler würde man in so einem Fall wohl von kreativer Pause oder Schaffenskrise sprechen. Bei mir verhält es sich so, dass ich unheimlich faul bin und ich mir offensichtlich nur Zwänge auferlege, um etwas zu haben, mit dessen Fernbleiben ich mir das Faulsein versüße. Denn das Süße ist ja erst süß durch das Saure. So macht faul zu sein auch nur Spaß, wenn es etwas gibt, vor dem man sich drücken kann. Ein Heer depressiver Arbeitsloser wird mir da zustimmen.
Heute aber reiß ich mich auf einen Download wartend zusammen und führe meine so groß angekündigte Inventur des Lebens fort. Wenigstens um einen Artikel: die Zeitung. Vorher möchte ich mich noch bei allen bedanken, die überhaupt bemerkt haben, dass es hier schon seit längerem nichts neues mehr zu lesen gab. Eigentlich schreibe ich ja nur für mich, aber natürlich bin ich eitel genug, um mich über positives Feedback zu freuen. Ich persönlich finde auch die allerersten Artikel in diesem Blog noch ganz witzig, also wer die noch nicht gelesen hat, sollte sich nicht vor der Klickerei fürchten…
Die Zeitung also. Eines der vielen totgesagten Medien, das vom bösen Internet aufgefressen werden wird, bis nur noch eine blasse Erinnerung davon übrig ist. Die Menschen werden erst kein Geld mehr für journalistische Inhalte bezahlen, dann guten von schlechtem Journalismus nicht mehr unterscheiden können und schließlich vollkommen verdummen. Schon jetzt ist es ja so, dass ich mir meine täglichen Nachrichten von google zusammenstellen lasse und im Fernsehen am liebsten die Nachrichten im DSF kucke. Leisten kann ich mir das aber natürlich nur, weil ich sehr wohl eine Quelle der Aufklärung und des unabhängigen Journalismus habe, für die ich sogar brav bezahle: die ZEIT.
Zugegeben, es handelt sich hierbei nur um eine Wochenzeitung, aber gerade diese leichte Distanz zum allernächsten Zeitgeschehen ist die Stärke dieser Zeitung. Fast jeder Artikel ist hochgradig fundiert und reflektiert, nur selten wird übers Ziel hinausgeschossen oder absichtlich jemand verhöhnt. Wissen, Vernunft und journalistischer Ethos prägen diese Zeitung.
Nichtsdestotrotz lese ich fast immer zuerst das Magazin Leben, wenn ich die ZEIT donnerstags aus dem Briefkasten hole. Nichtsdestotrotz vermisse ich einen Sportteil und ein Feuilleton, für das Kultur auch außerhalb von Theatern, Verlagen und Opern stattfindet. Nichtsdestotrotz fallen einem Alleswisser und Leitartikler wie Josef Joffe oder Jens Jessen manchmal auf die Nerven. Aber genau so beeindruckend sind die beiden JJs eben auch. Wer sonst kann zu fast jedem beliebigen Thema innerhalb kürzester Zeit einen Artikel schreiben, der eine ganze Diskussion wiedergibt, ihr neue Aspekte verleiht und Hintergründe beleuchtet? (Okay, ich vielleicht, aber so eitel bin ich nun auch wieder nicht…)
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