Felix – Ich, wie es wirklich war

Der deutsche Fußball

Veröffentlicht in Den Menschen wie den Leuten, Der tägliche Wahnsinn, Fernsehen, Kultur, Literatur, Medien, Politik, Spocht von felixander am Juli 7, 2008

Nationen, wie wir sie kennen und als natürlich empfinden, gibt es noch gar nicht so lange, wie man meinen könnte. Gerade Deutschland gibt es in den ungefähren heutigen Zügen erst seit 1871. Dennoch gibt es zu vielen Nationen -besonders denen des alten Europa- Symbole, die diese Nationen verkörpern oder sie charakterisieren sollen. So ist das Nationalsymbol der Engländer, der stolzen Engländer, das Meer, das sie umgibt. Das Meer ist das einzige „Terrain“, das die Engländer erobern können, ein unendlicher Raum und gleichzeitig ein unerbittlicher Gegner (zumindest zur Zeit, als diese Symbole entstanden). Doch das Meer ist auch die sicherste Grenze, die man sich wünschen kann, Angst vor Fremden muss man als Engländer folglich nicht zwingend haben, viel eher wird man sich über jeden Neuankömmling neugierig freuen.

Laut Elias Canetti ist das Nationalsymbol der Deutschen der Wald. Deutschland, das ganz im Gegensatz zu England nicht die splendid isolation genießt, sondern haufenweise Nachbarn hat, fühlt sich stets leicht vom Fremden bedroht und reagiert statt mit Neugier eher mit Ablehnung. Zuflucht vor dem ständigen Stress der Konfrontation mit dem Nicht-deutschen sucht die deutsche Seele nun Canetti zufolge im Wald. Der Wald ist beschaulich und menschenleer. Und vor allem: der Wald besitzt die vertikale Ordnung, die der Deutsche angeblich so liebt. Wie tapfere Soldaten ragen die Bäume gen Himmel, „der marschierende Wald“. Die Armee, der Wald als Tranquilizer.

Folgt man bei der Beobachtung der Armee Michel Foucault, ist sie eine Institution, die ihre Schlagkraft nicht aus der Förderung einzelner Talente bezieht, sondern aus der Schaffung einer absoluten Disziplin; jeder führt dieselbe Bewegung auf dieselbe Art und Weise aus. So entsteht ein aus einzelnen Gliedern bestehender Körper, der allein durch die Anwendung von Taktik in Bewegung gesetzt wird. Ein Rädchen greift ins andere.

Die Parallele zur deutschen Nationalmannschaft (dem Heer der Moderne) ist so erstaunlich wie offensichtlich. Während Mannschaften, die berühmt sind für ihren schönen Fußball, eher so wirken wie eine Trupe hochtalentierter Ritter, die zusammenspielen oder eben nicht, ist die deutsche Nationalmannschaft ein Heer, das nur funktioniert, wenn alle Teile mit höchster Disziplin (meinetwegen auch höckschter Dischziplin) derselben Taktik folgen. Wo andere auf den kreativen Einfall, die Genialität eines einzelnen setzen, gewinnen die Deutschen durch einstudierte Spielzüge. Bei den Spaniern kann man sagen, dass sie Europameister wegen der überragenden Fähigkeiten eines Xavi, Villa, Silva, Iniesta, Fabregas, Torres, Casillas, Ramos usw. geworden sind. Bei den Deutschen lässt sich nur schwer behaupten, dass sie bessere Fußballer als die Holländer, Italiener, Franzosen, Portugiesen, Russen, Tschechen, Türken usw. hätten und sie deswegen vor diesen allen Vizeeuropameister geworden seien. Es scheint viel mehr die vollkommene Homogenität des Mittelmaßes zu sein, die sie so erfolgreich macht. Selbst Spieler, die zur Weltklasseleistung taugen, wie Ballack oder Gomez, gliedern sich in das Heer ein und ordnen sich der Gleichmäßigkeit der Disziplin unter. So entsteht eine Armee aus 23 Spielern, in der ein Rädchen das andere ersetzen kann, aber vor allem auch eins ins andere greift. Ein Klischee wird Vizemeister. Olé olé!

(Liebe 11Freunde-Redaktion, besser als ein Fußballessay vom Ströbele is das ja wohl. Gebt mir ein Premiereabo!)

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