Felix – Ich, wie es wirklich war

Inventur des Lebens (3): Toilettenpapier

Veröffentlicht in Den Menschen wie den Leuten, Der tägliche Wahnsinn, Kultur von felixander am Juli 31, 2008

Manchmal, in ruhigen Minuten, sitzt man da und überlegt, wie das, was man da tut, wohl andere so machen. Und manchmal interessiert das sogar große Konzerne. Wie zum Beispiel die Frage: Wie benutzen die anderen eigentlich ihr Klopapier? Und dann stellt man fest: die einen so, die andern so. Aber vor allem: die einen Länder so, die andern Länder so. Es gibt also tatsächlich kulturelle Unterschiede im Hinternabwischen. Gut, das wird einem auch klar, wenn man die Computertoiletten in Japan sieht, die einem den Hintern mithilfe eines Dampfstrahlers säubern, oder wenn man in Frankreich vor einem Bidet steht und sich fragt, wie man so süchtig nach Fußwäschen sein kann, dass man dafür ein eigenes Waschbecken hat. Aber auch was die Benutzung einer so einfachen Sache wie Klopapier angeht, unterscheiden sich die Kulturen.

Ein Großteil der Deutschen gehört zu den Klopapierfaltern. Das heißt, dass das Vertrauen in das vorhandene Papier nicht besonders groß ist und man aus vier Lagen mittels Faltung acht, 16, 32, usw. Lagen macht. Diese Tatsache machte es besonders dem amerikanischen Toilettenpapierhersteller Charmin schwer, sein Produkt auf Anhieb erfolgreich an den Mann zu bringen, da das Falten viel komplexere Anforderungen an das Papier stellt (Stichwort Scherkräfte!)als das Knüllen, das die meisten Amerikaner bevorzugen. Ich sehe da ganz klar das typische Sicherheitsbedürfnis, das den Deutschen auszeichnet und zu seiner Pedanterie führt, und den Eroberungsdrang des Amerikaners, der zu seiner Liebe zum Provisorium führt.
Der Wickler sowie der Ein-Blatt-Abreißer gehören übrigens zu Klopapierrandgruppen.

Entschuldigung! (Ausrede)

Veröffentlicht in Den Menschen wie den Leuten, Der tägliche Wahnsinn von felixander am Juli 31, 2008

Wem war bitte nicht klar, dass ich das nicht durchhalten würde? Ich habe einen Job! Ich muss Hausarbeiten schreiben! Ich muss Bier trinken. Zudem fehlte mir, als ich noch fünf Minuten Zeit hatte, Inspiration. Die hab ich nun, aber 1. schlägt es grad fünf und 2. funktioniert meine Quelle für wichtigste Backgroundinformationen nicht. Ich muss zu Bett. Aber: ein Artikel ist da. Tadaaaa!

Inventur des Lebens (2): der Rasierer

Veröffentlicht in Den Menschen wie den Leuten, Der tägliche Wahnsinn, Kultur von felixander am Juli 29, 2008

Um nicht zu viel Pulver auf der 30-Tage-Reise zu verschießen, bleiben wir auch heute noch im Bad. Gerade hätte ich mich fast dazu hinreißen lassen, es auf mein Mannsein zu schieben, dass ich so wenige Geräte im Bad habe, aber leider ist es wohl doch so, dass mir zur Frau nur das Glätteisen fehlt; und das auch nur zur lockigen Frau. Einigen wir uns also darauf, dass sich Mann und Frau weniger unterscheiden, als einem immer wieder eingebläut wird. Vielleicht liegt der Unterschied aber auch darin, dass es unter Frauen nicht die eine große Frage gibt: Gillette oder Wilkinson? Sicherlich keine Frage, die die Menschheit ähnlich klar in zwei Lager teilt wie:“Lakritze…möchtest du?“. Dennoch gibt es sehr wahrscheinlich Männer, die Wilkinsonrasierer benutzen und zu nichts anderem greifen würden, wie es mich gibt, der auf Gillette schwört.

Im Prinzip besteht ein Gillette nämlich einfach nur aus Klingen und einem Griff. Mehr braucht man auch nicht, um aus einem kratzigen Indiana-Jones-Gesicht ein babyweiches James-Bond-Gesicht zu machen. Eigentlich nicht einmal den Griff. Genau diese Einfachheit ist es, die ihn gegenüber dem vor Schnickschnack strotzenden Wilkinson auszeichnet. Klingen hinter Gittern?! Wir sind doch nicht aus Zucker! Eine Trimmklinge?! Da fehlen mir ja nur noch der BMW Z3 und die Nickelback-CD!

Gut, dass es das gute Stück jetzt mit Batterien gibt, ist ein trauriges Kapitel Marketinggeschichte, aber mancher Mann steht eben noch nicht genug unter Strom. Vermutlich hat er den Gillette M3 Power gerade erst gegen seinen Wilkinson eingetauscht…

Inventur des Lebens (1): die Zahnbürste

Veröffentlicht in Den Menschen wie den Leuten, Der tägliche Wahnsinn, Kultur von felixander am Juli 28, 2008

Eigentlich beginnt jeder Tag gleich: aufwachen, kucken, wo man ist, Schluck Wasser trinken, Duschen, Zähne putzen. Jede Aktion für sich genommen wäre noch kein Startschuss, erst im Verband holen sie einen wirklich zurück ins Leben. Als würde der Siff der Nacht genauso einen Vorhang zur Realität bilden wie die geschlossenen Augenlider. Von diesem poetischen Bild sind es nur wenige Schritte zu meiner Zahnbürste. Sie ist blau-weiß, sie ist stark, sie ist elektrisch. Wer noch nie zuvor eine motorisierte Zahnbürste verwendet hat, wird sich womöglich denken, dass das etwas für alte Leute, Technikfreaks oder Zahnfanatiker sei. Aber nein!, elektronisches Zähneputzen ist schlicht und einfach das einzig wahre Zähneputzen.

Nie fühlten sich Zähne wohler, weißer oder sauberer. Nie war Zähneputzen meditativer. Es ist nicht so, dass ich meine Zähne nicht auch mit einer normalen, handbetriebenen Zahnbürste putzen könnte, so wie das Dr. Best vermutlich macht. Aber nur mit dem Wissen, dass ich irgendwann wieder das leise Brummen im Mund haben werde, mit dem ich jeden Tag beginne und jeden Tag beende. Man verwechsle diese Beziehung bitte nicht mit einem Oralfetisch, davon bin ich weit entfernt; es geht hier ausschließlich um die bessere von zwei Möglichkeiten. Um das Reinigen durch Oszillation. Um eine der praktischsten Arten, Strom zu ver(sch)wenden. Um eine der listigsten Ausreden, nicht mehr zum Zahnarzt zu müssen. Und wie viele Romane, Theaterstücke, Gedichte, Essays, Blogartikel und hohle Gedanken schon entstanden sein müssen, wenn man sich so in den kreisenden Bewegungen versenkt, dass man sich selbst vergisst, wie es sonst höchstens noch unter der Dusche passieren kann. Drei Minuten könnten nicht schneller vergehen. Wenn Buddha, Jesus oder Mohammed diese Zahnbürste noch erlebt hätte, ganze Weltreligionen sähen anders aus. Es gäbe kein Paradies oder Nirwana, es gäbe nur diese drei Minuten. Morgens und Abends und in alle Ewigkeit.

Inventur des Lebens

Veröffentlicht in Das Blog an sich, Den Menschen wie den Leuten, Der tägliche Wahnsinn, Kultur von felixander am Juli 27, 2008

Mein Blog leidet, fürchte ich. Es will gefüttert, gehegt und gepflegt werden. Stattdessen lasse ich es links liegen und kümmere mich nicht. Daran sollte sich etwas ändern. Tatsächlich ist mir im Nachtbus nach Hause gestern eine Idee gekommen, mit der ich das Blögchen etwas hätscheln könnte. Ich rufe ein Projekt ins Leben, bei dem ich versuche, 30 Tage lang jeden Tag einen Text online zu stellen. Die Texte sollen sich im weitesten Sinne um Gegenstände in meinem Umfeld drehen, Gegenstände, die ich häufig benutze oder eben nicht, die ich gut finde oder eben nicht. Dadurch könnte eine Inventur meines Lebens entstehen. Oder eine Ansammlung willkürlich zusammenhängender Texte. Hauptsache das Blog rappelt sich dadurch etwas auf.

Das schöne an den Dingen, über die ich schreiben möchte, ist, dass sie ihre Existenz allein den Ideen, Plänen und Händen eines Menschen verdanken. Sie sind Teil und Ausdruck einer Kultur. Sie sind Deutschland. Ich werde mich wohl vom Bad zur Küche durch den Flur in mein Arbeits- / Wohn- / Schlafzimmer hangeln. Es ist aber auch möglich, dass sich diese Vorgehensweise als unnütz oder langweilig erweist und ich verzweifelt nach täglicher Inspiration suche. Grob geschätzt sollte ich tatsächlich über 30 verschiedene Gegenstände besitzen, über die man auch tatsächlich etwas zu sagen hat, aber eben nur grob geschätzt. Wenn sich herausstellt, dass ich ärmer bin, als ich dachte, werde ich an der 30-Tage-Regel festhalten und mir etwas einfallen lassen müssen.

Beginnen möchte ich morgen mit „die Zahnbürste“.

Der deutsche Fußball

Veröffentlicht in Den Menschen wie den Leuten, Der tägliche Wahnsinn, Fernsehen, Kultur, Literatur, Medien, Politik, Spocht von felixander am Juli 7, 2008

Nationen, wie wir sie kennen und als natürlich empfinden, gibt es noch gar nicht so lange, wie man meinen könnte. Gerade Deutschland gibt es in den ungefähren heutigen Zügen erst seit 1871. Dennoch gibt es zu vielen Nationen -besonders denen des alten Europa- Symbole, die diese Nationen verkörpern oder sie charakterisieren sollen. So ist das Nationalsymbol der Engländer, der stolzen Engländer, das Meer, das sie umgibt. Das Meer ist das einzige „Terrain“, das die Engländer erobern können, ein unendlicher Raum und gleichzeitig ein unerbittlicher Gegner (zumindest zur Zeit, als diese Symbole entstanden). Doch das Meer ist auch die sicherste Grenze, die man sich wünschen kann, Angst vor Fremden muss man als Engländer folglich nicht zwingend haben, viel eher wird man sich über jeden Neuankömmling neugierig freuen.

Laut Elias Canetti ist das Nationalsymbol der Deutschen der Wald. Deutschland, das ganz im Gegensatz zu England nicht die splendid isolation genießt, sondern haufenweise Nachbarn hat, fühlt sich stets leicht vom Fremden bedroht und reagiert statt mit Neugier eher mit Ablehnung. Zuflucht vor dem ständigen Stress der Konfrontation mit dem Nicht-deutschen sucht die deutsche Seele nun Canetti zufolge im Wald. Der Wald ist beschaulich und menschenleer. Und vor allem: der Wald besitzt die vertikale Ordnung, die der Deutsche angeblich so liebt. Wie tapfere Soldaten ragen die Bäume gen Himmel, „der marschierende Wald“. Die Armee, der Wald als Tranquilizer.

Folgt man bei der Beobachtung der Armee Michel Foucault, ist sie eine Institution, die ihre Schlagkraft nicht aus der Förderung einzelner Talente bezieht, sondern aus der Schaffung einer absoluten Disziplin; jeder führt dieselbe Bewegung auf dieselbe Art und Weise aus. So entsteht ein aus einzelnen Gliedern bestehender Körper, der allein durch die Anwendung von Taktik in Bewegung gesetzt wird. Ein Rädchen greift ins andere.

Die Parallele zur deutschen Nationalmannschaft (dem Heer der Moderne) ist so erstaunlich wie offensichtlich. Während Mannschaften, die berühmt sind für ihren schönen Fußball, eher so wirken wie eine Trupe hochtalentierter Ritter, die zusammenspielen oder eben nicht, ist die deutsche Nationalmannschaft ein Heer, das nur funktioniert, wenn alle Teile mit höchster Disziplin (meinetwegen auch höckschter Dischziplin) derselben Taktik folgen. Wo andere auf den kreativen Einfall, die Genialität eines einzelnen setzen, gewinnen die Deutschen durch einstudierte Spielzüge. Bei den Spaniern kann man sagen, dass sie Europameister wegen der überragenden Fähigkeiten eines Xavi, Villa, Silva, Iniesta, Fabregas, Torres, Casillas, Ramos usw. geworden sind. Bei den Deutschen lässt sich nur schwer behaupten, dass sie bessere Fußballer als die Holländer, Italiener, Franzosen, Portugiesen, Russen, Tschechen, Türken usw. hätten und sie deswegen vor diesen allen Vizeeuropameister geworden seien. Es scheint viel mehr die vollkommene Homogenität des Mittelmaßes zu sein, die sie so erfolgreich macht. Selbst Spieler, die zur Weltklasseleistung taugen, wie Ballack oder Gomez, gliedern sich in das Heer ein und ordnen sich der Gleichmäßigkeit der Disziplin unter. So entsteht eine Armee aus 23 Spielern, in der ein Rädchen das andere ersetzen kann, aber vor allem auch eins ins andere greift. Ein Klischee wird Vizemeister. Olé olé!

(Liebe 11Freunde-Redaktion, besser als ein Fußballessay vom Ströbele is das ja wohl. Gebt mir ein Premiereabo!)