Zungenkuss
Kerstin Grether, die klügste Frau des deutschen Musikjournalismus, schreibt endlich auch für eine Zeitung, die ich lese: die ZEIT. Bisher hab ich ihren Namen zwar nur unter einem kurzen Artikel über Madonna gelesen, aber schon das hat mich beglückt.
Frau Grether schafft es, überaus belesen, schlau, kenntnisreich und witzig über Musik im Speziellen und Popkultur im Allgemeinen zu schreiben, was den einen nicht gelingt, weil Pop für sie keine Kunst, sondern Prollkultur ist, den anderen, weil sie keine Ahnung haben und schlecht schreiben. Auch im Intro kann man ab und an ihre Perlen bestaunen, zur Legende wurde sie als Redakteurin der Spex, als die noch nicht beweint und in Köln statt in Berlin war. Zu empfehlen ist Kerstin Grethers Antologie „Zungenkuss – Du nennst es Kosmetik, ich nenn es Rock’n'Roll“, in der einem beispielsweise klar wird, dass Courtney Love eigentlich wirklich mal eine hoffnungsvolle Künstlerin war und dass Tocotronic toll sein könnten, wenn sie keine Musik machten.
Danke für Kerstin, Giovanni di Lorenzo.
R.I.P.
Das Showbiz ist wieder auf Droge. Bekommt man täglich eine neue Drogengeschichte von Britney, Lindsay, Pete oder Amy frisch serviert, hat es jetzt tatsächlich den ersten Prominenten seit langem erwischt: Heath Ledger ist im Alter von 28 Jahren gestorben, wahrscheinlich an den Folgen einer Überdosis.
Ich habe ihn kennengelernt, als ich durch eine merkwürdige Teenieverwirrung in „Zehn Dinge, die ich an dir hasse“ im Kino gelandet bin. Er war der Badboy, der aber in Wirklichkeit natürlich der Süße ist. Die Rolle des Outlaws blieb ein wenig an ihm haften, zum Schluss nun spielte er den Joker in Batman – the dark Knight. Darauf habe ich mich eigentlich wirklich gefreut, endlich mal eine mutige Besetzung, zumal in der Verfilmung der 90er der Joker von Jack Nicholson gespielt wurde. Große Fußstapfen. Schade drum.
Le Frisur
Ich war beim Friseur. Bei einer Spezialistin für feines Haar. Für den Laien: feines Haar ist kein Euphemismus für die Glatze in spe, sondern meint, dass der Durchmesser des einzelnen Haars kleiner ist als der des Normhaars und wesentlich kleiner als der von dickem Haar. Feines Haar hält nichts von Volumen und dergleichen und kann deshalb auch als schwieriges Haar bezeichnet werden. Der Fachmann spricht von Problemhaar. Das letzte mal war ich ungefähr vor der Wiesn beim Friseur, also im September. Das heißt, dass ich doch schon etwas verwahrlost aussah, aber es handelte sich noch um eine okaye studentische Verwahrlosung, die ich nur etwas zu stutzen und zu verfeinern gedachte. Von diesen Gedanken ahnte die Spezialistin nichts…
In München ist es ziemlich schwierig einen Friseur zu finden, denn entweder man geht zu 8-Euro-Frisiersklaven oder man zahlt ein Vermögen. Wie so oft bin ich nicht für die Extreme, sondern wünsche mir eine moderate Zwischenform. Gutes Geld für gute Arbeit. Die Spezialistin schien dies zu bieten. So machte ich also heute morgen einen Termin aus und war heute nachmittag vor Ort. Der Salon war leer, was ich zunächst guthieß, da ich ungern beim in den Spiegelkucken angesehen werde. Obwohl meine Haare absolut sauber und frisierbereit waren, wies die Chefin die Azubine an, mir die Haare zu waschen. Bei diesem Vorgang wurde mir klar, dass ich nichts von Prostitution halte. Immer, wenn ich kurz davor war, die Augen zu schließen und die Kopfmassage zu genießen, fiel mir das lustlose Gesicht hinter mir ein.
In den Händen der Spezialistin fühlte ich mich sofort noch unwohler. Nicht dass ich was gegen Akzente hätte, aber Missverständnisse wären in dieser Situation fatal. So kam, was kommen musste. Als sie über Haare in der Stirn lästerte, dachte ich, sie machte sich über Emos lustig und nickte. Als sie mir einen männlichen Schnitt anbot, sah ich mich schon mit Weibern in den Armen in einem Whirlpool sitzen. Doch spätestens als ich ihr klarmachen wollte, dass ich die Haare vor den Ohren mochte und die Spezialistin sie in diesem Moment abschnitt, wurde mir klar, dass ich mich auf dem völlig falschen Dampfer befand.
Nun, da ich hier sitze und dies schreibe, kratzt mir der Nacken. Ich meide den Spiegel, doch weiß ich das eine: Versicherungen könnte ich jetzt verkaufen wie warme Semmeln. Es gab mal einen Film, in dem Daniel Brühl einen Pottschnitt tragen musste, weil er einen Mönch spielen musste. In etwa den hab ich.
Was würdest du tun?
Die Frage, die das Fernsehen derzeit stellt und auch gleichzeitig beantwortet, lautet: Was würdest du für ein bisschen Bekanntheit tun? Wie weit würdest du für eine BILD-Schlagzeile gehen? Was ist dir deine Würde wert? Die Sendung, in der es so hochphilosophisch zugeht, heißt „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“. Die Teilnehmer werden im Rahmen der Sendung als „prominent“ bezeichnet, dennoch weiß der Zuschauer, dass es sich hier um Menschen handelt, deren Geldquelle die Öffentlichkeit ist, die aber aus verschiedenen Gründen (Talentlosigkeit, Karriereende, Hypeende, Vernunft) kein Geld mehr aus dieser Quelle erhalten.
Müssten diese Bedürftigen nun ein paar Wochen im Wald verbringen, könnte man sagen:„Das dürfen sie gerne tun, aber fürs Fernsehen ist das uninteressant.“ Der eigentliche Reiz der Sendung liegt in den sogenannten Dschungelprüfungen. Hierzu wird täglich ein Kandidat ausgewählt, der sich einer Mutprobe zu stellen hat. Die kann beispielsweise darin bestehen, dass man diverse lebende Gliederfüßer in den Mund zu nehmen hat oder dass man sich von 40 000 Kakerlaken begraben lässt. Gemein ist fast allen Prüfungen, dass sie den Kandidaten herabwürdigen und praktisch alle Beteiligten, also auch den Zuschauer, anekeln. Der Dschungelprüfling muss sich nun vor jeder Prüfung, mit der er Essen für sein Team gewinnen kann, fragen, ob er schon prominent genug ist, um sich leisten zu können, abzulehnen bzw. den rettenden und im Falle dieser Armleuchter fast schon zynischen Satz zu sagen:„Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“
Erstaunlicherweise nehmen aber fast alle Promis ihre „Herausforderung“ an. Erstaunlich deshalb, weil ich mir sicher bin, dass die Kandidaten in einem Fernsehstudion in Köln sich sträuben würden, Känguruhhoden in den Mund zu nehmen, egal wieviel Geld man ihnen böte. Sie würden auf ihre Integrität verweisen und behaupten, dass sie nicht alles für Geld täten. Im Fernsehdschungel Australiens aber(der auch von vielen anderen Fernsehanstalten gemietet wird) können die Teilnehmer einen Schalter im Kopf umlegen und sich als Helden in einem Spiel sehen, in dem RTL oder der Dschungel das böse Gegenüber ist, das die Regeln macht. Wir wissen, sie tun es fürs Geld und Folgeaufträge, sie wissen dasselbe und dennoch schaffen sie sich eine höhere Motivation und verkaufen sich selbst. Herzlichen Glückwunsch, RTL!
Nachtrag
Ich habe das Album der Wombats nun zum zweiten Mal gehört und ja, schon besser! Auf jeden Fall gut genug, um am 06. April ins Atomic zu gehen und sie live zu sehen. Karten gibt’s für 13,60 €, das is doch mal ein Angebot.
Dear Ministerpräsident
Roland Koch hat gestern bei Hart aber fair damit angegeben, dass es in seinem Hessen nur sehr wenige Rechtsradikale gäbe. Mal überlegen: wenn man einen Radikalen so definiert, dass das jemand ist, der sich mit seiner Meinung relativ weit von einer gesellschaftlichen Norm bzw. der Durchschnittsmeinung entfernt hat, dann ist es doch durchaus möglich, dass die Zahl der Radikalen sinkt, wenn sich ihre Position der Durchschnittsmeinung annähert. Genauso ist es aber auch möglich, dass die Zahl der Radikalen zurückgeht, weil sich die gesellschaftliche Norm auf sie zu bewegt.
Welcher der beiden Fälle wird wohl eingetreten sein, in einem Bundesland, das von einem Ministerpräsidenten regiert wird, der als Antwort auf Jugendgewalt mit Abschiebung droht, Kopftücher auch bei Schülerinnen per Gesetz verbieten lassen will und auch sonst gerne mal mit der rechtspopulistischen Keule schwingt?
Zwei Hits
Es gibt da ein Album, das macht mir grad Kopfzerbrechen. Es stammt von den jungen Herren der Formation The Wombats. Ein saudoofer Name, weshalb die Erwartungshaltung zunächst eher gering war. Dann hörte ich aber diesen Monsterhit im Radio:„Let’s dance to Joydivision, let’s celebrate the irony, everything is going wrong but we’re so happy…“.
Dancy!Dancy! Dancy!
Dann der zweite Hit: „I’m moving to New York ’cause I’ve got issues with my sleep…“.
Großartig!
Nun aber liegt das Album vor mir.
The Wombats present a guide to love, loss and desperation heißt es und irgendwie…irgendwie komm ich da nicht rein. Gut, bisher erst ein Mal gehört, aber die Hittigkeit der Singles wird vom Rest bei weitem nicht erreicht. Das wirkt hier mal zu beliebig und dort nervt dann vielleicht die Stimme schon. Die Frage nun: legt sich das beim Öfterhören oder sind der Band nur zwei Glückstreffer gelungen? Um das rauszufinden, stay tuned… (uuuuuuuuuhhh, ein Rezensionscliffhanger!)
Felix Austria
Ich lese zur Zeit „Die Arbeit der Nacht“ von Thomas Glavinic, hier mal ein kleiner Ausschnitt:
„Ein Freund mit kynologischem Interesse hatte Jonas einmal erklärt, warum manch kleiner Hund ungeachtet des Risikos auf einen viel mächtigeren Artgenossen losging. Dem lag Verzüchtung zugrunde. Die Rasse des Hundes war einst eine weit größere gewesen. Im Bewusstsein des Hundes hatte sich noch nicht festgesetzt, dass er von der Schulter bis zur Pfote nicht mehr neunzig Zentimeter maß. Der kleine Hund glaubte gewissermaßen, so groß zu sein wie der andere, und ging ohne Rücksicht auf Verluste gegen diesen vor.
Jonas hatte nicht erraten, ob diese Theorie auf wissenschaftlichen Erkenntnissen fußte oder ob sein Freund geflunkert hatte. Aber eine Erkenntnis war ihm gekommen: Mit den Österreichern verhielt es sich genau wie mit diesen Hunden.“
Nächster Halt: Bunnytown
Laut einer aktuellen Erhebung der ZEIT haben es seit 1990 25 Frauen aus München zur Körperzurschaustellung in den deutschen Playboy geschafft. Das ist ein nationaler Spitzenwert. Weder Hamburg, noch Köln, noch Berlin kommen auch nur annähernd auf diese Zahl. Und überhaupt: der Osten ist trotz FKK-Kultur ziemlich schwach vertreten. Ebenfalls überraschend unnackt ist Frankfurt.
Ich glaube ja fast, dass die münchner Spitzenposition dadurch zu erklären ist, dass es hier verstärkt Schichten gibt, in die Frauen durchs Sichverkaufen vordringen können. Es gibt hier einfach viele Frauen, die nichts können außer sich zu prostituieren und es gibt genügend reiche Schnösel, denen das genügt. Es ist sozusagen eine Der-Mann-hat-das-Geld-die-Frau-die-Titten-Kultur entstanden, am besten vor der Tür des berühmten P1 zu bewundern: hier lauern billige Flittchen in knappen Kleidern auf reiche Söhnchen, die sie mitnehmen in die Welt der Reichen und Schönen. Hat man erstmal begriffen, dass man mit seinem Körper, und nur damit, Geld verdienen kann, ist die Hemmung zum Playboyshooting schnell abgebaut, vielmehr wird man darin vielleicht sogar etwas edles, glamouröses erkennen. Traurig ist das anzusehen, aber Nummer eins ist Nummer eins.





10 Kommentare