Archive for November 2007
Helmut Krausser Poetikvorlesung I. Teil (Aufzeichnungen)
vorher in der U-Bahn: Helmut Krausser war mal Münchner. Von ihm wurde unter anderem „Der große Bagarozy“ verfilmt. Das heißt, er hat „Der große Bagarozy“ geschrieben, verfilmt hat es sicher Helmut Dietl. Oder der andere. Wenn man verfilmt werden will, schadet es sicher nicht, Münchner zu sein.
Als Ouvertüre erwarte ich mir eigentlich einen dramatischen Künstlermonolog im Zigarettendunst. Aber Krausser ist Familienvater und die Hausmeister sind streng.
währenddessen: Wie sich nun bei Betreten des Veranstaltungsortes herausstellt, gibt es ein weiteres Problem: es handelt sich um einen stinknormalen Hörsaal.
Aber er nöhlt, yeah!
Die Welt aus meiner Sicht ist klein und blau. Umgekehrt ergibt sich wohl ein ähnlicher Anblick.
Das Universum dehnt und streckt sich, weil es mir nicht gewachsen ist.
Danach: Bei einer Autorenvorlesung/-lesung: klatscht man oder klopft man? Das Publikum teilt sich.
Der Krausser gibt tatsächlich den großen Autor, wie man ihn sich vorstellt. Er wirkt etwas misanthropisch, lakonisch, leicht gequält, im besten Sinne arrogant und streng. Seine Plosive ploppen, er ist ein Schauspieler. Großartig: er sitz so, dass ihn kaum jemand sehen kann. Sein Verlagsfoto ist so angeschnitten, dass man nicht ahnt, dass er die Frisur von Friedrich März hat.
4 comments November 29, 2007
Boris Becker-Salesch
Boris Becker wurde vor kurzem volljährig. Oder 40. Jedenfalls ließ es sich
in Folge dieses Großereignisses nicht nehmen, einen Film über den großartigen Sportler, aber auch über den Menschen Boris Becker zu zeigen. Im Rahmen dieser Sendung erklärt uns Boris, wie die Sache mit der Besenkammer passieren konnte. Und zwar war das so: schon seit 1997 ist Boris nicht mehr in Topform und schon gar nicht in der Lage ein großes Turnier zu gewinnen. Dennoch kann er es sich nicht verkneifen, ein Turnier nach dem anderen zu spielen, schlicht und einfach schon wegen der horrenden Antrittsgelder. Als er dann 1999 zur Vernunft kommt und sich würdig bei seinem Schicksalsturnier in Wimbledon von der großen Sportbühne verabschieden will, hat er nicht nur körperlich mit sich zu tun, weil er wegen einer Verletzung eigentlich nicht hätten spielen können, nein, auch privat läuft es nicht rund, denn seine Frau Barbara ist bei einem der wichtigsten Spiele seines Lebens nicht dabei. Als Boris nun emotional aufgewühlt und im Viertelfinale geschlagen vom Center Court ins Hotel zurückkehrt, wartet da nicht seine Frau oder seine Familie, sondern dieses russische Flittchen, und er kann nicht anders als…sein drittes Kind zeugen.
In Folge all dieser Querelen lassen sich Boris und seine Barbara innerhalb von vier Wochen scheiden, die angeblich zweitschnellste Scheidung nach dem Zweiten Weltkrieg. Wesentlich spektakulärer fällt da der Prozess um den Unterhalt aus. Der findet nämlich in Florida statt und wird weltweit live im Fernsehen übertragen. Boris meint, dass erst durch den Fernseherfolg seines Prozesses die heute nicht mehr ganz so beliebten Gerichtsshows entstanden sind, doch das kann nicht ganz hinhauen, denn genau in diesem Jahr 1999 geht auch Barbara Salesch auf Sendung, und ein wenig Vorbereitungszeit brauchen selbst solche Shows. Zudem basiert Barbara Salesch wohl eher auf der amerikanischen Gerichtsshow Judge Judy, die bereits seit 1996 läuft. Man darf auch nicht vergessen, dass sich der Fernsehzuschauer spätestens seit Matlock pudelwohl im Gerichtssaal fühlt, lediglich der Anspruch hat sich gewandelt.
Lieber Boris, du bist also ebenso wenig für den Erfolg der Gerichtsshows verantwortlich wie David Hasselhoff für den Mauerfall, dennoch: alles Gute zum 40. und auf die Frauen, fertig, los!
7 comments November 27, 2007
Apropos Thomas Glavinic
Auf einigen Bildern sehen sich Thomas Glavinic und Helmut Krausser erstaunlich ähnlich. Helmut Krausser ist ebenfalls Autor („Der große Bagarozy“, aber bei ihm ist angeblich jedes Buch ganz anders als die andern) und momentan Poetikprofessor an der LMU. Das heißt nicht, dass er jeden Mittwoch von zehn bis zwölf seine Vorlesung hält und sich mit Studenten rumärgert, sondern dass er an mehreren Abenden vorliest (sein Thema bisher: Pathos) und liest (Gedichte, Romanausschnitte). Interessant, wie dieser Verschnitt aus klassischer Bildung und Popkultur die älteren Herrschaften im Publikum irritiert; mit griechischen Zitaten können sie etwas anfangen, aber bei Pulp Fiction hört der Spaß auf.
Die Frage, die sich mir nun stellt: wie kann ich die beiden unterscheiden? Ob es so ähnlich geht wie bei den Frauen von Vishnu, wo die eine, Shridevi, ein Band über ihre großen, straffen, nackten Brüste trägt, während die andere, Bhudevi, dies nicht tut?
Der Hinduismus ist unterschätzt.
3 comments November 23, 2007
Das bin doch ich!
Wenn einem Autor gar nichts mehr einfällt oder er zu viel Zeit hat, er dem Verlag irgendwas anbieten muss oder er sich für den geilsten hält, dann schreibt er über das, was ihm am nächsten liegt: über sich selbst. Christian Kracht hat das gemacht, Benjamin von Stuckrad-Barre, Maxim Biller ebenfalls, Johann Wolfgang von G-Punkt, Theo Fontane, Walter Benjamin, Albert Camus und nun auch mein neuer Lieblinsgösterreicher Thomas Glavinic (sprich je nach Anlass: „Glvtsch, Glanz, Gliwinetsch, Glawenitsch…).
In seinem Buch „Das bin doch ich“ erzählt uns Thomas Glavinic, wie es ist, im Literaturbetrieb angekommen zu sein und doch nicht dazuzugehören. Wir begleiten ihn in der Zeit, in der sein Roman „Die Arbeit der Nacht“ einen Verleger sucht, findet und schließlich nicht auf der Longlist des deutschen Buchpreises landet. In derselben Zeit wird aus seinem Freund Daniel Kehlmann, Autor von „Die Vermessung der Welt“ (oder kennt ihn jemand als Autor von „Mahlers Zeit“?), der Megaseller, der er heute ist, und damit eine echte Egoprobe für jemanden, der ebenfalls gut schreibt, aber mit 7000 € im Dispo hängt. In derselben Zeit wird aus einem Thomas Glavinic mit Flugangst und Hypochondrie einer, der halbwegs ruhig fliegen kann und seine Hoden wieder ab und zu ankuckt. In derselben Zeit sind wir im Skiurlaub, auf Empfängen, bei Besäufnissen, bei Lesungen, bei Fototerminen und ständig beim Inder am Naschmarkt. In derselben Zeit wird uns von realexistierenden Personen und Ereignissen um Thomas G. erzählt und dennoch weiß man nie: Dichtung oder Wahrheit?
Torkelt Daniel Kehlmann tatsächlich auf Ecstasy durch New York? Steht wirklich eine Ärztin namens Ingrid Thallner auf einen österreichischen Autor, der jünger ist als sie, und verfolgt sie diesen mit E-Mails? Spricht Thomas’ Schwiegervater in Echt auch wie Alexander Kluge?
Ein witziges Buch, so oft hab ich noch nie in Zug oder U-Bahn lachen müssen, und schnell gelesen ist es zudem. Was mich überdies mit Thomas Glavinic verbindet ist, dass wir uns von einer bestimmten Sorte Mensch verfolgt fühlen; bei ihm sind es die Beknackten und Verrückten, bei mir sind es die -
7 comments November 22, 2007
Und schon wieder Will
Heute: Anne
Die klügste Zeitung der Welt, die BILD, weiß heute, warum Anne Will ihre Freundin, oder besser „diese Frau“, liebt. Das ist interessant. Wüssten wir nicht alle gern, warum wir wen lieben? Ist es das Auto? Die Zigarettenmarke? Der Kontostand? Der Brustumfang?
Bei Anne Wills Freundin sieht es so aus: sie sind beide Powerfrauen, kommen beide aus dem Rheinland, haben dasselbe Lieblingsbuch und haben beruflich was mit Medien zu tun. Achja, und lesbisch is sie auch noch, sonst hätte Anne ja auch Frank Plasberg heiraten können. Wie schön, dass wenigstens Lesben so einfach gestrickt sind. Bestätigt wird das auch durch die Äußerungen der Bildexpertin, wonach Lesben häufig erst durch Enttäuschungen mit Männern lesbisch werden und sie mehr nach seelischer als körperlicher Erfüllung suchen, weil Frauen ja einfach einfühlsamer sind als Männer. Das war uns ja wohl schon immer klar! Falls du übrigens gern wüsstest, ob du die Frau in der Beziehung bist: du bist es, wenn du dich unterordnest und dominieren lässt, denn so sind Frauen eben.
Was den Sex angeht, so muss man davon ausgehen, dass Anne Will besonders auf Oralverkehr und Sexspielzeug setzt. Wer hätte das noch vor einer Woche vermutet? Diese geilen Luder…
15 comments November 19, 2007
Der gute Will I Am
Jeden morgen wenn ich dusche, laufen die selben zwei Lieder im Radio: der Überhit „When did your Heart go missing“ von Rooney und „I Got It From My Mama“ von Will.I.Am. (Da ich nicht immer zur selben Zeit dusche, muss man annehmen, dass die den ganzen Tag durchlaufen, aber es soll hier nicht um schlechtes Radio gehen.)
Will.I.Am behauptet in seinem Song, dass Frauen ihre Brüste, Hintern und den Rest ihrer Sexyness (Rest?) von ihren Müttern erben würden. Wäre diese Form der Vererbung richtig, gäbe es den Menschen wohl gar nicht. Denn wenn Mütter aussschließlich für Töchter und Männer ausschließlich für Söhne zuständig wären, wäre es für eine Frau in der Phylogenese falsch gewesen, einen Sohn auszutragen, und für einen Mann völliger Blödsinn, weiblichen Nachwuchs leben zu lassen. Das anthropische Prinzip, also allein die Tatsache, dass wir jetzt hier sind, spricht gegen Ihre Worte, Mr. I.Am! Alle Lebewesen, die sich durch Geschlechtsverkehr fortpflanzen, tragen zu jeweils 50% das Erbgut beider Elternteile in sich. Wofür halten Sie Sex, Mr. I.Am?
Es könnte hieraus ein betimmtes Männerbild sprechen. Denn wenn Frauen ihre Weiblichkeit ausschließlich von Frauen erhalten, spricht das Männer von jeglicher femininer Ader frei. Bei Willie ist der Mann noch ganz Mann. Scheinbar ein ziemlich typisches Rollenverständnis in R’n'B und Hip Hop, wo der Mann der wilde Gangster ist, der die Kohle für die Familie ranschafft, und wo die Frau Hausfrau, Mutter und Hure ist. Die einen definieren sich über ihren Bizeps und ihr Blingbling, die anderen über die Geschwindigkeit, mit der sie ihre Hintern wackeln lassen können. Mama wär stolz.
21 comments November 13, 2007
Wo die Liebe hinfällt
Ein 20-jähriger, arbeitsloser , rechtsradikaler Passauer, der mit Inbrunst Worte wie „Kanacke“, „Negerfotze“ oder „Zigeunerschlampe“ vor sich hinschreit, verliebt sich in einer einschlägigen Kneipe in eine drogensüchtige Dauerabtreiberin, nachdem er ihr die Stiefel anständig gebunden und den Schädel kahl geschoren hat. Auch in der Hölle gibt es Romantik.
12 comments November 9, 2007
Guten Morgen, guten Abend, gute Nacht!
Gestern lief mal wieder die Truman Show im Fernsehen, und obwohl ich nicht mehr als fünf Minuten sah, fiel mir eine ganz neue Sichtweise auf den Film auf. Denn natürlich geht es auf den ersten Blick um die perversen Auswüchse einer Fernsehgesellschaft, die unterhalten werden will, egal wie und womit, aber viel interessanter ist, dass es hier auch um eine ganz große Menschheitsfrage geht: bin ich durch die Welt oder ist die Welt durch mich?
Während wir Zuschauer sicher sind, dass Truman 24 Stunden am Tag sein Leben lebt, fällt für Truman der Baum tatsächlich nur um, wenn auch jemand hört, dass er umfällt. Ein Bürogebäude, das neben Trumans Arbeitsplatz liegt, muss nur als Kulisse existieren, weil nur das wirklich ist, was Truman davon wahrnimmt. In Trumans Welt ist jeder, der nicht Truman ist, nur da, weil Truman da ist. Sie sind Statisten ohne eigenes Leben. Philosophisch eine extreme Position, im Film das normalste der Welt. In Matrix ist es ganz ähnlich: das, was wir sehen, ist nicht das, was ist. Wobei es hier noch eine zweite Realität gibt. Truman hat die nicht.
Dennoch hat er uns etwas voraus: er kann hinter die Kulissen blicken, sobald er begriffen hat, dass sein Leben eine Fernsehshow ist. Die Menschheit hingegen weiß seit ein paar 1000 Jahren, dass ihr Verstand und ihre Sinne zu begrenzt sind, um je den Backstagepass zu lösen. Klingt das nicht wahnsinnig nach November und Depression?
Nein! Es lebe die Subjektivität! Es lebe mein Blau und dein Blau! Mein Schön und dein Schön! Und dass du da wärst, auch wenn ich nicht da wär, glaub ich einfach so.
2 comments November 7, 2007
Bonjour Tristesse
Ein schlagendes Argument gegen Intelligent Design ist nicht nur der Nacktmull, sondern auch der November. Der November ist zu kalt, zu nass, zu diffus, zu neblig, zu traurig. Durch den Oktober geht man noch lächelnd und optimistisch, doch dann kommt dieser verdammte November und würgt einem die erste Herbstdepression rein.
Ich: November, du bist kein Mädchenname, du bist Sprühregen und Hochnebel!
November: Schschsch
Ich: Du bist nicht Herbst und bist nicht Winter!
November: Schschsch
Ich: Du bist das Trauerflor der Jahreszeiten!
November: Schschsch
Ich: Du treibst Konstanz in den Selbstmord!
November: Mooooooooooooment mal, du verwechselst hier Ursache und Wirkung, mein Lieber! I used to be der neunte Monat, NOVember you know, doch dank dieser Gregorianischen Wende wurde ich zum elften, und hier stehen wir nun und haben den Salat!
Vorlaut ist er auch noch, dieser November. Schschsch.
17 comments November 6, 2007
Herrschaft!
Ich habe schon so lange nichts mehr geschrieben, deshalb an dieser Stelle nur eine bayerische Äußerung des Entsetzens:
Was is da los
was werd da g’spuit
im ganzen Haus
koa Hitlerbuild
Ich hätte hier jetzt natürlich auch etwas über Schmidt&Pocher schreiben können, aber ich find’s bis jetzt ganz witzig.
6 comments November 5, 2007






