Felix – Ich, wie es wirklich war

Nip/Tuck

Veröffentlicht in Der tägliche Wahnsinn, Fernsehen, Kultur von felixander am August 23, 2007

Gestern Nacht, es war Mittwoch, war etwas anders: kein Nip/Tuck. Nip/Tuck kam bisher stets mittwochs, spät abends auf dem Sender Ihres Vertrauens, doch gestern nicht! Der Grund? Letzte Woche lief bereits die letzte Folge der aktuellen Staffel. Und ja, es war die bisher absurdeste, aber damit auch die beste Staffel bisher, auch wenn das Maß an Sexszenen, für die Nip/Tuck anfangs sicher viele Fans hatte, drastisch gesunken ist. Dafür haben die Autoren der Serie alles aus dem Hut gezaubert, was der heilen Welt des spießigen Dr. McNamara und der ebenso heilen Welt des Ladykillers Dr. Troy (Wir bleiben troy…hoho) zur Dekonstruktion dient. Ausgangsposition war ja die, dass McNamara und Troy ein ungleichs Paar sind, der eine eben glücklicher Familienvater, der andere dauergeiler, aber mindestens ebenso erfolgreicher Frauenaufreißer. Sie betreiben eine Praxis für Schönheitschirurgie, der Wettbewerb zwischen den Freunden beflügelt beide. Klingt nicht das schon nach Antike, nach einem ewigen Motiv? Doch es wird noch besser: die einzige Frau, die der geile Dr. Troy nie haben kann, ist natürlich die des Bettnässerfreundes McNamara, sie heißt Julia. Der Witz aber – man ahnt es: er hatte sie doch und- so erfahren wir zu Beginn der Staffel- er ist sogar der Vater des vermeintlichen Sohns McNamaras. Schon an dieser Stelle tritt die Genialität der Castingmenschen von Nip/Tuck zu tage, sieht der Sohn der beiden Schönheitschirurgen doch aus wie ein Geschöpf geschaffen nach dem Ebenbild des alten, weißen Michael Jackson (aber auch ein bisschen wie Stefan…muaha). Wir fassen nochmal zusammen: der Sohn zweier Schönheitschirurgen, wobei der eine leiblicher, der andere biographischer (man sieht schön das Leib-Seele-Prinzip) Vater ist, sieht aus wie eine der Ikonen der perversen Auswüchse der Schönheitschirurgie. Ein Schmankerl!

Die Serie

Nip/Tuck wäre aber nicht Nip/Tuck, wenn man nicht auch hier noch einen drauf setzen könnte, wir wollen ja schließlich keine billige Soap sein. So verführt die Lebensberaterin der ewigen Mutter Julia McNamara, zukünftige Ex-Gattin des Spießers, dauernde Phantasie des Gigolos, den Sohn Matt (wir erinnern uns: das Michael-Jackson-Geschöpf). Matt ist 17, 18, was auch immer, in Amerika jedenfalls underage, die Lebensberaterin Ava Ende 30 Anfang 40 und -ein weiterer Clou!- Mutter eines Sohnes in Matts Alter. Während sich nun also Troy, McNamara und seine Frau Julia, ob der geplatzten Bombe „Matt ist nicht dein Sohn, Dr. McNamara!“ streiten und trennen, aber auch langsam wieder zu sich selbst und zueinander finden (die Männerfreunde natürlich schneller als Mum und Dad), treibt es Matt mit einer Frau, die seine Mutter sein könnte. Was er nicht weiß: sie treibt es auch ab und zu mit ihrem Sohn. Was der nicht weiß: Ava ist gar nicht seine Mutter. Was sie nicht weiß: Troy und McNamara finden heraus, dass sie gar keine Frau ist. Und das ging so: Troy, der sie ja ALLE haben kann, geht zu Ava und will, dass sie „ihre verdammten Finger von Matt“ lässt. Wie es nun mal aber so ist, niemand kann Don Juan widerstehen, sonst wäre er nicht Don Juan, und so kommt es zum Koitus, der dem Geschlechtsteilexperten und Schönheitschirurgen Troy die groteske Einsicht liefert: Ava war mal Avery – ein Mann! Diese Wendung ist so absurd, dass sie einem die Schuhe auszieht, aber das ist ja das Schöne. Man muss es sich noch mal auf der Zunge zergehen lassen, denn nicht einmal Melrose Place hätte sich das getraut (und da hat wirklich schon jeder mit jedem): ein Junge, der erfährt, dass der beste Freund seines Vaters sein eigentlicher Vater ist, treibt es mit der Lebensberaterin seiner Mutter, die ebenfalls Mutter ist, die es mit ihrem Sohn treibt, der aber adoptiert ist, weil sie ja gar keine Kinder kriegen kann, weil sie ja ursprünglich ein Mann war. Geil!

Da es an dieser Stelle schon steil richtung Staffelende geht, braucht es den Millionsten Deus ex Machina der Serie. In diesem Falle ist es der geniale Arzt, der aus Avery Ava mit dem Geschlechtsteilmakel gemacht hat. Und auch hier leistet die Castingabteilung eine Meisterleistung ab; den verschrobenen Schönheitschirurgenfrankenstein spielt nämlich Alec Baldwin, der es anscheinend zur Aufgabe seines Karrierelebensabends gemacht hat, durch seine Gastauftritte unsere Lieblingsserien mit exzentrischen, etwas fett gewordenen, gutaussehenden Verrückten auszuschmücken. In dem Moment jedenfalls, in dem die Kamerfahrt auf seinen Rücken endet, indem er sich umdreht und uns sein gegeltes Haar von vorne zeigt, muss man lachen ob der Unverschämtheit, der Genialität, der Absurdität der Serie. Auf ein neues verbindet sich Pop mit Hochkultur, winzige Fetzen der Hollywoodikonographie (der Arzt hat sich zur Ruhe gesetzt und züchtet mittlerweile Orchideen in seinem Haus auf dem Hügel) mit den ganz großen Motiven der Weltliteratur (der Arzt, der Gott spielt; Prometheus, der den Menschen erschafft). Es ist diese Mischung, die die neuen hochgelobten Serien aus den USA, ausmacht. Man weiß, dass man nichts neues mehr erzählen kann, also erzählt man eben das Alte so bunt, so neu, so liebevoll, so detailliert, so verworren, so anders wie möglich. Der Arzt, den Alec Baldwin verkörpert, beseitigt auf Drängen des Dreamteams Batman & Robin…Verzeihung…Troy/McNamara den letzten Makel Avas unter der Bedingung, dass sie die Finger von Matt lässt und für immer aus der Serie verschwindet. Ava ist endlich eine vollkommene Frau; Troy, McNamara, Julia und Matt sind endlich eine vollkommene Familie. Alles ist gut. Ende.

P.S.: Warum Matt, anders als sein leiblicher Vater Dr. Troy, nicht gemerkt hat, dass Ava gar keine echte Frau ist? Er hatte vorher nie Sex, konnte also den Unterschied gar nicht bemerken. Das wirkt fast wie ein Aufruf an die prüden Teile Amerikas: lasst eure Söhne so früh wie möglich Sex haben, damit sie nicht an Männer geraten! Auch das irgendwie herrlich. Was aus dem „Sohn“ von Ava wurde? Nun, einer muss immer sterben, warum also nicht er? Fein.

15 Antworten

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  1. lautsprecher sagte, am August 23, 2007 zu 6:06

    Ich dreh durch! Gibt es ein Bild von diesem komischen Menschen, der angeblich Ähnlichkeit mit mir hat? :P

    „lasst eure Söhne so früh wie möglich Sex haben, damit sie nicht an Männer geraten“: Da ich an Männer geriet, hatte ich früh Sex. Ha! Und jetzt?

  2. felixander sagte, am August 23, 2007 zu 8:35

    Ja, wenn du auf den Link unter Sohn gehst, siehst du ihn.

    Nein, da du an Männer gerietst, hättest du demnach zu spät Sex gehabt.

  3. lautsprecher sagte, am August 24, 2007 zu 5:17

    Den letzten Satz verstehe ich nicht, ich habe mein Abitur auf einer Gesamtschule gemacht.

    Und der Sohn… Wenn ich nur annähernd so aussähe… Dann würde ich nur noch vor dem Spiegel masturbieren. Wobei. Ähnlichkeit mit Herrn Jackson hat er schon etwas. Pfui!

  4. felixander sagte, am August 25, 2007 zu 11:58

    Das tut mir leid. Aber immerhin Abitur.

    In deiner ABBAlosen Welt sieht der immer noch gut aus? Verrückt!
    Ihr seht halt beide aus wie Schneewittchen: das Haar schwarz wie Ebenholz, Lippen, rot wie Blut, Haut, weiß wie Schnee. Und dann dieser aufdringliche Bartwuchs…höhö

  5. jewels1911 sagte, am August 25, 2007 zu 8:04

    tja, mich kann eben nicht jeder dahergelaufene messerwetzer haben……. wäre er sich troy geblieben.. da sähe das schon wieder anders aus….

  6. lautsprecher sagte, am August 26, 2007 zu 12:58

    Na ja, eigentlich sieht er recht seltsam aus, die Frisur ist schrecklich, an sich ist er aber ganz süß, wobei eigentlich nicht so mein Fall.

    Übrigens sind meine Haare nicht schwarz. Der Rest stimmt. Pff.

  7. felixander sagte, am August 26, 2007 zu 2:32

    Jules, du und ein Messerwetzer…das wär doch mal was!

    Stefan, ich sah gestern Nacht den neuen Daniel Küblböck. Ich hoffe die Ähnlichkeit hab ich mir nur eingebildet…

  8. lautsprecher sagte, am August 28, 2007 zu 7:08

    Ich bin vorhin direkt sehr bestürzt auf die offizielle HP gegangen und musste feststellen, dass sein Aussehen nicht mehr das schlimmste an ihm ist.
    Trotzdem war es reine Einbildung. Ich seh ganz anders aus.

  9. felixander sagte, am August 29, 2007 zu 9:56

    Jaja, das würde ich auch sagen…

  10. lautsprecher sagte, am August 29, 2007 zu 7:10

    HA! Sie bewegen sich auf dünnem Eis!
    Ich muss zwischen 5. und 7. in München sein, nimm dich also besser IN ACHT! ;)

  11. felixander sagte, am August 30, 2007 zu 2:01

    Wovor?

  12. lisa sagte, am August 31, 2007 zu 2:02

    mann.. ich schmeiss mich weg – ich mag das wie du saetze so lustig verschachtelst. michael jackson und alec baldwin in einer staffel is aber auch zu genial.

  13. felixander sagte, am August 31, 2007 zu 6:08

    Dankö!!

  14. andreschneider sagte, am September 19, 2007 zu 6:00

    Ich hörte, sogar die Deneuve war bei „Nip/Tuck“ dabei. Wie strapaziös.

  15. felixander sagte, am September 19, 2007 zu 6:13

    Das passt doch! Es lebe die Ikonenfledderei!


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