Felix – Ich, wie es wirklich war

Ingeborg Bachmann Preis 2007

Veröffentlicht in Fernsehen, Kultur, Literatur von felixander am Juni 29, 2007

Klagenfurt – ach wie herrlich! Das ist Fernsehen wie aus einer längst vergangenen Zeit. Das ist ein Studio ganz ohne Ausstattung, nur ein paar Ikeatische – je einer pro Autor/Kritiker/Moderator. Die Tische sind wechselnd hellblau und blau, ebenso wechselnd werden die Füße versteckt: mal mit Spiegeln, mal mit Holzabdeckungen. Die Spiegel nimmt der Hintergrund auf, durchmischt mit grauem Wandteppich und noch hässlicherem Tuch. Die Spiegel verwirren einen Zuschauer aus dem Jahr 2007, sie wirken wie mit Bluescreentechnik eingesetzte Bilder des lauschenden Publikums. Das würde sehr gut zu den unbeholfenen straight-from-the-eighties-Namenseinblendungen passen: ein transparent blaues Band, quer über den Bildschirm, hässliche weiße Schrift. Auch der Schnitt natürlich gestrig hoch zehn. Die zwei, drei Kameras des tapferen ORF wechseln sich brüderlich ab, aber so muss es sein. Und dann noch dieser Antimoderator! Ernst A. Grandits erinnert in seiner sich ständig verhaspelnden Intellekutalitätswilligkeit erstaunlich an Volker Panzer vom Nachtstudio des ZDF.

Hier wird eindeutig NICHT das große Spektakel gesucht, hier wird NICHT die große Litertaur inszeniert, hier wird einfach nur gelesen und geschimpft. Doch ein Anachronismus fehlt: rauchen im Fernsehen.

Kältere Schichten der Luft

Veröffentlicht in Kultur, Literatur von felixander am Juni 21, 2007

Antje Ravic Strubel hat ein Buch geschrieben, das von Kritikern und Feuilletons hoch gelobt wird (unter anderen beispielsweise Denis Scheck vom Literaturmagazin Druckfrisch in der ARD). Kältere Schichten der Luft heißt es.

Die Antje

Zur Geschichte: In einem Kanu-Camp in Schweden arbeiten Aussteiger, Abenteurer, Arbeitslose, Naturfreaks, allesamt Typen, die sich für ein paar Monate im Sommer in die unendlichen weiten des Waldes flüchten, um ihrer Perspektivlosigkeit aus dem Weg zu gehen; unter ihnen auch Anja, die dem deutschen Kleinstadtalltag zu entfliehen versucht. Anja ist lesbisch und damit scheint der weitere Verlauf der Geschichte vorgegeben: sie eckt  in der hermetischen Gesellschaft des Camps an, wird  von einem grobschlächtigen Primitivling angefasst und findet am Ende doch noch ihr Glück. Aber nein, es handelt sich hier ja nicht um Hanni und Nanni für Erwachsene, sondern um ernsthafte Literatur, und so nimmt man hin, dass Anja davon träumt, gleicher als alle andern zu sein, dass sie tatsächlich von einem männlichen Crewmitglied mehr als nur angemacht wird und dass sie am Ende doch noch ihr Glück verliert. Ihr Glück heißt Siri, scheint verwirrt, scheint überhaupt irreal zu sein, veranlasst Anja aber dazu, zum ersten Mal aus dem Muster Verführung-Sex-Verführung-Sex auszubrechen und tatsächlich so etwas wie Liebe zu empfinden. Der „Pferdefuß“ – wenn man es so nennen will: Siri liebt Anja nicht als Anja, sondern als den Schiffjungen Schmoll, und auch Anja liebt Siri nicht als Anja, sondern eben als Schmoll. Anja gibt also gewissermaßen ihre Identität auf und wird für die Zeit ihrer Liebe zu Siri zu Schmoll.

Das Buch

Genau an dieser Stelle wird es schwierig. Ist es nicht unheimlich platt, aus einer dem Unisex entgegenstrebenden homosexuellen Frau einen Mann zu machen? Oder sieht man hier ein Plädoyer für eine Welt ohne Geschlechterrollen, in der man als Frau Frauen, als Mann Männer, als Frau Männer, als Mann Frauen, als Hermaphrodit Frauen, als Hermaphrodit Männer usw. lieben kann? Fragen, die das Buch nicht beantwortet, denn die Liebe zwischen Siri und Anja/Schmoll endet bevor sie wirklich begonnen hat und das nicht auf sonderlich tränenreiche Weise.

Erzählt ist Kältere Schichten der Luft  in einer sehr präzise Sprache, die plastische Bilder schafft, dabei aber auch oft den Eindruck erweckt, dass sie versucht, besonders literarisch zu klingen, was speziell bei den immer wiederkehrenden Beschreibungen des Lichts auffällt. Auch erinnert der traurige, kalte Ton immer wieder an typisch deutsche Pseudoliteraten wie Benni Lebert. Ein Buch, das schwer zu fassen ist, das sicher nicht einfach gefällt, das aber immerhin Gedanken anregt, die man so vielleicht noch nicht hatte. Es kann einen nerven, es kann einen beschäftigen, aber es lässt einen nicht in Ruhe. Auch gut.